Mai 1940

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwortverzeichnis Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

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Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personenverzeichnis Namen und Anschriften Personal i.IR 477 40–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Ortsverzeichnis Vormarsch-Weg Militärische Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

Im Frühjahr 1940 geht die Deutsche Wehrmacht auch im Westen zur Offensive über. Holland und Belgien werden überrannt, die Engländer über den Kanal gejagt, und sechs Wochen nach Beginn des Feldzuges hat Frankreich kapituliert.[1]

Noch einmal verlebe ich im Sommer drei unvergessliche Urlaubswochen in Zechlin-Flecken, mitten in der wald- und seenreichen Landschaft der geliebten Mark Brandenburg. Wohltuende Stille liegt über dem alten Jagdschloss, in dem ich wohne.[2] Anfangs als einziger Gast, später mit zwei weiteren (Mut¬ter mit kleiner Tochter), werden wir von der liebenswürdigen Wirtin, der evangelischen Pfarrersfrau, mütterlich versorgt. Ich genieße die Urlaubsfreuden mit der jungen Frau Lotte und oft auch gemein¬sam mit der kleinen Tochter. Den größten Teil des Tages liegen wir auf dem Wasser oder am Ufer ei¬nes der Seen, zuweilen bis in die Nacht hinein. Oft unternehmen wir kleinere oder größere Fahrten in einem weißen Boot, das wohl dem Pfarrhaus gehört. Wir paddeln über die stillen Seen und durch die schmalen Kanäle, die die Gewässer miteinander verbinden. Das Boot gleitet fast lautlos an dem wis¬pernden Schilfgürtel vorbei, aus dessen Dickicht das Flöten und Quarren der Wasservögel dringt. Lei¬se glucksend schlägt das Wasser gegen das Boot. Die warme Sommerluft liegt ruhig und still. Alles at¬met tiefen Frieden. Selbst die Nächte sind warm, und dann spukt es manchmal in dem alten Schlöss¬chen. Die hölzerne Treppe knarrt, und eine Tür quietscht leise. Die junge Frau ist deswegen etwas be¬sorgt, aber sonst stört es niemand. Wer sollte denn da auch nachts durch das Haus schleichen? Und warum?

Eines Tages kreist ein Jagdflugzeug am Himmel. Da beschleicht mich ein leises Unbehagen. Der da oben hat eine Aufgabe. Er fliegt für Deutschland. Ich aber mache mir hier unten gemütliche Tage. Und während an der Front deutsche Männer bluten, genieße ich in der Heimat das süße Leben.

Wenige Tage nach diesem Urlaub liege ich wieder auf dem Wasser. Diesmal ist es der Wannsee, und das Boot ist blau. Es gehört Lotte, meiner Urlaubspartnerin in Zechlin-Flecken, oder vielmehr ihrem Mann, einem Oberregierungsrat, und wieder jagt eine Kampfmaschine durch den blauen Himmel nach Gatow. Da habe ich es satt, am nächsten Tag fahre ich zum Wehrkreiskommando, um endlich meine Einberufung zu erreichen. Dabei klärt sich ein unglaublicher Irrtum auf: In meinen Papieren, die beim Wehrbezirkskommando in Neukölln liegen, steht der Vermerk: „Einberufen zum 1. September 1939“. Ich habe aber niemals eine Einberufung erhalten, obgleich ich mehrmals seit Kriegsbeginn beim Wehrbezirkskommando angerufen hatte. Diesmal bin ich erfolgreicher. Drei Tage später habe ich mei¬nen Gestellungsbefehl in Händen. Nun aber, da es so weit ist, und ich den kühlen, knappen Befehl le¬se, fühle ich doch ein leises Bedauern über mein voreiliges Handeln. Aber ich habe es ja so gewollt.

Was mich zur freiwilligen Meldung zum Kriegsdienst trieb, kann ich eigentlich nicht genau sagen. Es war keine vernünftige Überlegung, sondern eher ein ganz natürlicher Erlebnisdrang, so wie es mich früher auch schon zur Seefahrt getrieben hatte, es war wohl auch die Angst, in dem siegreichen Krieg (nach den anfänglichen Blitzsiegen konnte man wohl mit einem Endsieg rechnen) nicht mitgewirkt zu haben und ohne Kriegsauszeichnungen neben den kriegserfahrenen Kollegen zu stehen. Eine Mi¬schung aus Eitelkeit und Pflichtbewusstsein. Vielleicht auch ein Gefühl, das ich – etwas anmaßend – mit Diotimas Worten wiedergeben möchte, mit denen sie Hyperion in den Krieg schickte: „Deine volle Seele gebietet Dir’s. Ihr nicht zu folgen führt oft zum Untergang. Ihr zu folgen, wohl auch. Das beste ist, Du gehst, denn es ist größer.“[3]


  1. Westfeldzug 10. Mai–25. Juni 1940
  2. Das ehemalige Schloss war damals schon ein unauffälliges Amtshaus; möglicherweise ist das Landhotel Elsenhöhe gemeint.
  3. Friedrich Hölderlin: Hyperion

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