1. Mai 1941

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwortverzeichnis Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personenverzeichnis Namen und Anschriften Personal i.IR 477 40–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Ortsverzeichnis Vormarsch-Weg Militärische Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

1. Mai 1941. Wir feiern in der Kantine meinen 31. Geburtstag. Nach der Feier trete ich leicht benebelt zu später Stunde den Heimweg an, trotte versehentlich in mein erstes Quartier und betrete die einzige beleuchtete Stube. Es ist das Schlafzimmer der Frau und ihrer Tochter, die beide schon in ihren Betten liegen. Und auf jedem Bettrand saß, zum Kopfkissen hingebeugt, ein Soldat. Es sind die beiden, die hier einquartiert sind. Ich ziehe mich etwas ernüchtert in meine jetzige Unterkunft zurück.

Hier haben wir uns inzwischen recht gut eingelebt. Die beiden Töchter des Hauses, die uns bei unserer Ankunft mit feindseligen Blicken gemessen haben, sind umgänglicher geworden. Wenn wir Zeit und Lust haben, machen wir uns nützlich. Einmal lösen wir die beiden Mädchen beim Mehlmahlen ab. Das Mahlen erfolgt mit zwei runden, waagerecht übereinander liegenden Mühlsteinen. Der obere Stein, an dem sich ein Griff befindet, wird mit der Hand im Kreis gedreht, so dass das zwischen den Steinen lie¬gende Korn zerrieben wird. Die uns ungewohnte Arbeit ist anstrengend. Wir müssen immer häufiger Pause machen und geben nach 20 Minuten unter dem Gelächter der beiden Mädchen auf. Dabei ist der Oberschlesier ein Hüne von Gestalt! Da war es doch angenehmer, von unserem Fenster aus auf Krä¬hen zu schießen oder den Mädchen bei der Gartenarbeit zuzusehen! Manchmal stehen wir abends noch mit der Familie oder mit den beiden Mädchen in der Haustür beisammen und versuchen ein beschei¬de¬nes Gespräch. Die Stimmung ist friedlich und das Verhältnis zu diesen Menschen ungetrübt. Die ältere der beiden Töchter, anfangs eine unnahbare Wildkatze, ist jetzt ein Kätzchen geworden. Nur manch¬mal zeigt sie noch ein bisschen die Krallen. Als wir später abzogen, hat sie mir ein Foto zur Erinne¬rung geschenkt.[1]

Dieses Bild ist rückseitig durch den Fotografen beschriftet:
ROA-Fw Herbert Schrödter sucht das Herz der polnischen Bevölkerung zu gewinnen

Als ich einmal mit dem Oberfeldwebel (ich habe seinen Namen vergessen) über die Dorfstraße ging, kamen wir an einer Gruppe von Mädchen vorbei, die in einem Garten arbeiteten. Eine von ihnen machte eine Bemerkung, auf die mein Kamerad prompt eine Antwort hinüberrief. Da kreischten die Mädchen überrascht auf: „Der kann ja polnisch!“

Sonntags ist dienstfrei, aber hier im Dorf ist nichts los. Wer also nicht lieber schläft, oder in der Kanti¬ne oder bei den Dorfbewohnern – vorzugsweise weiblichen – Unterhaltung sucht, versucht nach Jasło zu gelangen, um dort alte Bekanntschaften weiter zu pflegen. Der Alte ist sehr dagegen und gibt keine Erlaubnis zum Verlassen des Dorfes. Also muss man heimlich fahren. Da in Męcinka eine Bahnstation ist, gelang es einigen, einen Personen- oder Güterzug zu benutzen. Feldwebel Lehmann ließ sich ein¬mal mit einer Draisine mitnehmen. Ich selbst habe einmal eine einzelne Lokomotive angehalten und ließ mich dann kurz vor dem Bahnhof Jasło an einer Schranke absetzen. Einige Male habe ich mir von den Polizisten im Elektrizitätswerk ein Fahrrad geliehen. Damit fuhr ich dann immer auf dem Bahn¬damm entlang, auf dem schmalen Trampelpfad dicht neben dem Gleis. Das war abends im Dunkeln bei der Rückkehr nicht ganz einfach. Einmal bin ich den Bahndamm hinunter gekollert, und ein ander¬mal bekam ich einen „Platten“. Ich schob den Drahtesel bis zum nächsten Haus und lieh mir dort eine Luftpumpe. Ich hatte Glück, dass eine vorhanden war. Gewundert habe ich mich auch, dass die junge Frau gar nicht erschrak, als sie die Tür öffnete und einen deutschen Soldaten vor sich sah. Es war doch spät abends und stockfinster, und sie selber war offenbar schon im Bett gewesen, denn sie trug nur ei¬nen Unterrock. Als ich dann beim Elektrizitätswerk ankam, war die Luft schon wieder raus. Ich habe das Fahrrad auch nicht mehr bekommen.

Ich war mehrmals in Jasło, bei Sofia. Nur einmal trafen wir uns in einem Dorf, das halbwegs zwischen Jasło und Męcinka lag. Sie war hier zu einem Verwandtenbesuch, und so haben wir uns hier verabre¬det. Wir trafen uns außerhalb des Dorfes in einem kleinen Wäldchen und liefen darin herum. Ihre Zu¬neigung war offensichtlich, und ich begreife heute noch nicht, warum ich gerade diesmal so unglaub¬lich zurückhaltend war.


  1. Dieses und alle anderen Fotos seiner weiblichen Bekannten hat der Autor nach der Hochzeit auf Bitten seiner Frau vernichtet – verständlich, aber schade.

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