6. Februar 1942

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwortverzeichnis Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personenverzeichnis Namen und Anschriften Personal i.IR 477 40–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Ortsverzeichnis Vormarsch-Weg Militärische Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

6.1.42.[1] Zehn Tage lang rast der Schneesturm nun schon ununterbrochen über das Land. Er hat Mensch und Vieh in die Häuser gejagt, und beginnt nun auch diese zuzudecken. Ich stehe in der Stube und blicke durch das niedrige Fenster in den Wirbel da draußen. Pfeifend und brausend jagt der Sturm dicke Wolken von Schnee vor sich her. Die Luft ist eine flockige, körnige weiße Masse. Zuweilen fegt der Schnee fast waagerecht am Fenster vorbei, wie in langen weißen Fäden und Strichen. Dann wieder wirbelt ein Windstoß die dicken Wolken durcheinander, und in diesem Augenblick wird für Sekunden der schemenhafte Schatten des Nachbarhauses sichtbar, um sofort wieder von den quirlenden Schnee¬wolken verdeckt zu werden. Wie geängstigte Tiere ducken sich die niedrigen Bauernkaten in den Schnee. Höher und immer höher weht der tobende Sturm die weißen Berge gegen die Häuser. An der Windseite kriechen die Schneewehen schon über die Strohdächer hinauf und beginnen, die Häuser unter ihrem weißen Mantel zu begraben.

Wer nicht unbedingt hinaus muss, bleibt im Haus. Der Bauer füttert sein Vieh, das sich ja unter dem¬selben Dach befindet, schaufelt den Schnee von seiner Haustür fort und kriecht dann wieder auf den warmen Ofen. Die Dunkelheit bricht früh herein. Schon am frühen Nachmittag ist es stockfinster. Die Winternächte sind lang. Wer jahrelang diese endlos langen russischen Winter mit ihren endlos langen dunklen Nächten erlebt hat, wer diese monatelange erzwungene Untätigkeit erfahren hat, der kann ver¬stehen, dass sich hier Melancholie ins Herz senkt, dass sich Passivität entwickelt (wie man es dem rus¬sischen Wesen nachsagt) und dass sich manche Unsitte einschleicht. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Das ist sicher einer der Gründe dafür, dass – zumindest in früheren Zeiten – der Vater oder Großvater die Schwiegertochter benutzte, wenn der Sohn zum Militärdienst eingezogen war. Aber vielleicht liegt es auch an der andersgearteten Mentalität der Russen. Im – alten – Japan war es auch Sitte, dass der Bruder sich der Schwägerin mit sämtlichen Rechten und Pflichten eines Ehemannes annahm, wenn der Bruder sehr lange abwesend sein musste. Und ein bekannter Schriftsteller berichtet vom Ersten Weltkrieg, dass deutsche Kriegsgefangene in Sibirien Kinder hinterlassen haben. (Das ist verständlich.) Als dann die aus deutscher Gefangenschaft entlassenen sibirischen Ehemänner heim¬kehrten, freuten sie sich über diese Kinder. (Und das ist uns unverständlich.)

Der Sturm tobt weiter. Viele Häuser gleichen nur noch Schneehügeln. Nur auf ihrer Leeseite guckt noch ein Stück Dach oder die Giebelwand mit dem Fenster heraus. Am Morgen des achten Tages ist das Nachbarhaus restlos zugeschneit. Die Bewohner können nicht mehr heraus. Sogleich geht ein Trupp Soldaten daran, mit Schaufeln und Spaten von außen einen Weg durch die Schneemassen zu graben und die Haustür freizumachen. Als sie sich endlich wieder öffnen lässt, gibt es lautes Hallo und Lachen bei Russen und Soldaten.

BILD FOLGT

Es schneit noch immer, Tag und Nacht. Ich frage mich schon mit leichter Besorgnis, ob wir jemals wieder aus diesen hohen Schneemassen herauskommen können. Die einfachsten Dinge werden zum Problem. In den Gärten liegt der Schnee zweieinhalb Meter hoch. Am Ende der Gärten stehen aber auch unsere Posten als Quartier- und Ortswachen. Um sie zu erreichen, müssen also Wege vom Haus zum Posten¬stand geschaufelt werden. Das sind Hohlwege mit über zwei Meter hohen Schneewänden. Die Posten werden jetzt stündlich abgelöst. Eines Morgens beschwert sich ein Nachtposten, dass er vier Stunden habe stehen müssen. Es stellt sich heraus, dass seine Ablösung ihn bei dem Schneesturm nicht gefunden hat. Ein anderer Soldat, der abends einen Kameraden im Nachbarhaus besuchen wollte, hat das Haus in der Dunkelheit bei dem Schneetreiben verfehlt. Er fand aber auch zu seinem Quartier nicht mehr zurück und kam zu uns. Dass der Postenkontrolldienst die Posten nicht fand, kam mehr¬mals vor.

Ich habe mich schon zu Bett gelegt. Draußen heult der Sturm, aber hier drinnen ist es mollig warm. Der mächtige Backsteinofen, der fast ein Viertel der Stube einnimmt, strahlt wohlige Wärme aus. Mei¬ne beiden Stubenkameraden sind noch nicht vom Dienst zurück. Ich will etwas Radio hören. Die bei¬den Nachrichtenmänner haben sich natürlich eine Leitung hierher ins Quartier gelegt (so privat, ver¬steht sich). Davon profitiere ich jetzt. Ich streife mir die Kopfhörer über und höre den Soldatensender. Es dauert gar nicht lange, da klingt es in der Muschel: das Lied von Lili Marleen! Du gute Lale Ander¬sen, wie vielen Tausenden von deutschen Soldaten an den eisigen Fronten Russlands hast Du mit die¬sem Lied etwas Wärme und Freude ins Herz gesungen!

Noch ein Problem: Die stillen Örtchen liegen am Ende der Gärten, ca. 25 bis 30 Meter vom Haus ent¬fernt. Dahin müsste man jetzt durch eine zwei bis drei Meter hohe Schneedecke. Aber das nützte nichts. Die Häus¬chen sind ebenfalls unter Schnee begraben.

Eine Russin kommt weinend zu mir und klagt, dass ein Soldat, der Durchfall hat, sein Geschäft in ihrem Kuhstall erledigt hat. Sie fürchtet, dass ihre Kuh, ihr ganzer Reichtum, sich infizieren könnte. Da die Kuh – wie sehr oft in russischen Dörfern – unter demselben Dach in dem kleinen Haus steht, kann man sich die Luft darin vorstellen. Ich gehe mit ihr, begucke mir die Schweinerei und schnauze den Landser an. Aber wohin sollte er schließlich in seiner drängenden Eile?


  1. im Original irrtümlich 6.1.42.

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