30. März 1945
| GEO & MIL INFO | ||||
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| bei Paipas | ||||
| OKW-Lagekarte April 1945 | ||||
| Übernahme der 1. Kompanie | ||||
Sumpfstellung südlich des Libauer Sees
30.3.45. Nun ist es soweit. Ich übernehme die 1. Kompanie und gehe heute abend nach vorn. Das Verpflegungsfahrzeug der 2. Kompanie nimmt mich mit. Es ist ein ziemlich weiter Weg. Wir waren eine halbe Stunde gefahren und stehen nun hinter einer Heckenreihe, die durch eine künstliche Blende verstärkt ist. Hier müssen wir die Dämmerung abwarten, denn von hier aus führt der Weg über flaches, offenes Gelände, das der Feind einsehen kann. Nachdem es dunkel geworden war,[2] setzen wir unseren Weg fort. In scharfem Trab geht es über die Ebene, bis wir nach einiger Zeit einen Waldrand erreicht haben, an dem ein Bauernhof liegt. Wir sind beim Bataillonsgefechtsstand. Der bisherige Führer der 1. Kompanie, ein sächsischer Oberleutnant, wartet schon auf mich. Er ist zur Armeewaffenschule nach Paulshafen abkommandiert und will mir nur noch die Kompanie übergeben. Er wird dann mit demselben Fahrzeug zurückfahren, mit dem ich nach vorn gekommen war. Er will mich noch selbst einweisen, und so gehen wir beide nach vorn.
Der Bataillonsgefechtsstand liegt noch auf festem Land, am Rande eines riesigen Sumpfgebietes. Der größte Teil der HKL aber verläuft mitten durch den Sumpf. Das gilt auch für meinen Kompanieabschnitt. Schon nach kurzem Weg verlassen wir den festen Boden, überschreiten auf gewundenen Pfad eine sumpfige Wiese und betreten dann einen Laufsteg, der sich in endlosen Windungen durch Gebüsch und Sumpfwald schlängelt, sich möglichst der Sicht des Feindes entziehend, zuweilen aber auch über offene Wasserflächen führend. Unter uns steht schwarzes Moorwasser. Es ist dunkel, wenn wir durch hohen Sumpfwald schreiten; es wird heller, wenn wir über freie Wasserflächen gehen und der Himmel sein Dämmerlicht im Wasser spiegelt. Hölzern klappen unsere Schritte über den schmalen Steg. Stellenweise federn die Bretter, sodass wir zu wippen beginnen und den Schritt verlangsamen müssen. Der Steg liegt einen halben Meter über der Wasserfläche. An manchen Stellen ragen noch die Spitzen der Sumpfgräser aus dem Wasser. Anderswo ist das Wasser zwei Meter tief.
Nachdem wir etwa einen Kilometer gelaufen waren, erreichen wir einen Bunker, der auf einer kleinen Sumpfinsel steht. Der Boden hebt sich hier aus dem Wasser und ist mit einigen Gruppen hoher Birken und Erlen bestanden. Wir haben den Kompaniegefechtsstand erreicht. Mein Vorgänger gibt mir nun die notwendigen Erläuterungen und verabschiedet sich dann. Nun sitze ich hier in dem hölzernen Häuschen über den Stellungsplänen, um mir ein Bild von meinem neuen Kompanieabschnitt zu machen.
Wir liegen in einem riesigen Sumpfgebiet südlich des Libauer Sees. Meine Stellungen der vorderen Linie ziehen sich auf einer Straße entlang, die als künstlich aufgeworfener Damm der einzige trockene Weg durch dieses Sumpfland ist. Die Feuerstellungen und Unterstände sind teilweise in diesen Wall hineingegraben und stehen in Abständen von vierzig bis fünfzig Metern. In dem völlig versumpften Hinterlands dieser Kompaniefront befinden sich noch auf einzelnen ••• S. 268 •••inselartigen Trockenstellen einige sMG- und schwere Granatwerfer-Stellungen, die die ganze vordere Linie übersehen können. Auch der Waffenunteroffizier bewohnt mit seinem Gehilfen eine dieser kleinen Inseln. Mein Kompaniegefechtsstand ist mit den Frontstellungen auf der Straße und den Stützpunkten auf den Inseln durch Laufstege und Telefonleitungen verbunden. Hier im Kompaniegefechtsstand liege ich selbst mit meinem gesamten Kompanietrupp zusammen. Das sind 2 Melder[3], 2 Funker, 2 Fernsprecher, 1 Sanitäter und der Kompanietruppführer, also 9 Mann. Ich schlafe auf der Bank, auf der ich tagsüber sitze. Unser Unterstand ist ein Blockhäuschen, das auf dem schwankenden, morastigen Untergrund dieser winzigen Waldinsel steht. Der Laufsteg führt direkt daran vorbei. Auf der anderen Seite des Steges haben unsere Vorgänger sogar eine Laubhütte mit einer Bank gebaut. Es ist wie in der Sommerfrische. Als weiteren Komfort verfügen wir noch über ein richtiges Klo-Häuschen abseits des Unterstandes.
Es ist dunkel geworden, und ich gehe nach vorn, um die Stellungen zu inspizieren. Der Unteroffizier, der mich durch die Stellungen führen soll, schläft schon. Ich lasse ihn wecken und höre, wie er sich drinnen im Unterstand schimpfend erhebt. Brummend kommt er herausgekrochen und zeigt deutlich seinen Unwillen über die gestörte Nachtruhe. Ich sage nichts, denn ich verstehe ihn wohl, aber ich kann ja auch nicht schlafen, und ich kann nur nachts hierher kommen. Da ich den Mann nicht kenne, will ich ihn nicht gleich anpfeifen. Aber merken will ich mir diese Marke[4]. Als ich dann zu meinem Unterstand zurückkehre, liegt alles in tiefem Schlaf, außer dem Posten. ••• S. 268: Haupttext des 30.3.45 unterbrochen •••
••• S. 271: Absatz „Karfreitagsgedenken“ vom 20.4.45 hier eingeschoben ••• Karfreitag, 30.3.45.[5] Die deutschen Städte sind Trümmerhaufen. Zahlreiche Kirchen sind zerstört. Wieviele Mütter mögen heute in den vom Bombenterror verschonten Kirchen in bitteren Tränen um ihren toten Sohn zum Kreuz aufblicken, wie damals die Gottesmutter! Karfreitag des deutschen Volkes!
••• S. 268: Haupttext des 30.3.45 fortgesetzt ••• Die Stellung hat den großen Vorteil, dass auch das Vorfeld völlig versumpft ist. Das Wasser ist zwar nur knietief, aber mit Panzerangriffen ist hier nicht zu rechnen.
Die Unterstände sind durchweg kümmerliche, kleine Holzbuden. Die Dächer bestehen aus einer Bretterlage mit einer dünnen Sandschicht. Das ist höchstens ein Splitterschutz. Auf dem Boden liegt eine dünne Strohschicht, auf der die Landser schlafen.
Meine Bewegungsfreiheit ist hier stark eingeschränkt. Die Tage vergehen in ziemlicher Eintönigkeit. Tagsüber bewege ich mich in dem kleinen Wäldchen um unseren Unterstand herum oder in der Umgebung, soweit der Laufsteg dies zulässt. Manchmal sitze ich auch in der Laubhütte. Bei Einbruch der Dunkelheit, nach dem Verpflegungsempfang, gehe ich regelmäßig zu den Stellungen nach vorn oder auf die Inseln.
Heute abend kurz nach der Verpflegungsausgabe kommt ein Feldwebel wutschnaubend nach vorn und beschwert sich über die zu geringen Rationen. Zum Beweis zeigt er mir sein Kochgeschirr, das tatsächlich nur zu einem Viertel gefüllt ist. Da die Verpflegung hinten beim Bataillon abgeladen wird, ist der Küchenbulle schwer zu erreichen. Ich verspreche dem Feldwebel aber, dass ich morgen abend die Verpflegungsausgabe beim Bataillon kontrollieren werde.
Da die Stellung ruhig ist, mache ich meine Stellungsbesuche und Spaziergänge auch am hellen Tag. Ich sehe mir die Arbeiten zur Verbesserung der Stellungen an, spreche mit den Männern, besuche den Waffenunteroffizier in seiner Wasservilla oder gehe auch mal an seichten Stellen vom Laufsteg herunter, um mir dieses eigenartige Sumpfland anzusehen.
Es liegt ein schwermütiger Zug über dieser Landschaft, eine drückende Stille. Das blanke, ruhige Wasser ist etwas unheimlich. An manchen Stellen habe ich selbst mit einem sehr langen Stock keinen Grund gefunden. An anderen Stellen ist er moorig und bodenlos. Es gibt ••• S. 269 •••aber auch trockene Stellen mit festem Untergrund. Der Wald steht im Wasser. Es ist alles etwas fremd. Auch die Tierwelt und ihre Stimmen sind anders und ungewohnt. Im letzten Schein der Abendsonne kreisen die Bekassinen spielend in der Luft, und ihr Quarren bringt einen ungewohnten Ton in die märchenhafte Fremdheit dieser Landschaft. Und abends erfüllt das Quaken von Millionen Fröschen die Luft. Anfangs war mir das alles neu und interessant, auf die Dauer aber fühle ich mich etwas unbehaglich in diesem Sumpf, fremd in der Landschaft und beengt durch den Laufsteg. Wohl wechselt der Wald mit offenen Flächen ab, aber zwischen den Waldstücken liegen keine Äcker und Wiesen, sondern trügerische Wasser- oder Sumpfflächen. Selbst auf dem Waldboden steht das Wasser. Vielleicht liegt es an der Schneeschmelze. Selten fester Boden oder trockene Waldstellen, nur auf dem Laufsteg, und selbst dieser schwankt noch unter jedem Schritt.
Heute nacht hat es ein Malheur gegeben. Ich erwache von einem lauten brechenden Krachen, dem ein lautes Stöhnen folgt. Sofort bin ich hoch. Im Dämmer des beginnenden Tages sehe ich, dass die mit drei Mann belegte obere Pritsche zusammengebrochen ist und die darunter liegenden drei Männer unter sich begraben hat. Wir ziehen die jammernden Männer aus den Holztrümmern hervor, wonach sie sich bald beruhigen. Sie waren mit dem Schrecken davon gekommen. Wir räumen die Trümmer fort, und darüber ist es Tag geworden. Wir bleiben gleich auf. Das war ein Schreck am Sonntagmorgen!
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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Epilog Anhang |
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Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente |
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1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31. Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Codenamen der Operationen im Sommer 1942 Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript |
- ↑ Die Karte wurde aufgrund ihres detailreichen Maßstabs 1:50.000 ausgewählt; sie ist zwar vom 07.05.1945, darf aber herangezogen werden, da die Front sich in dieser Zeit nicht mehr verändert hat, wie ein Vergleich mit der (nicht so detaillierten) Lagekarte vom 30.03.1945 zeigt.
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um 20:09 war Sonnenuntergang,
bis 20:48 Bürgerliche Dämmerung: Lesen im Freien noch möglich,
bis 21:34 Nautische Dämmerung: Horizont noch erkennbar,
bis 22:26 Astronomische Dämmerung: maximale Dunkelheit. - ↑ Einer der Melder, Obergefreiter Hans Scheuerlein, schrieb den Eltern des Autors 1946 einen entlastenden Brief.
- ↑ im Original „Maske“, sicher ein Tippfehler, da der Autor seltsame Personen häufig als „Marke“ bezeichnete
- ↑ im Original „19.4.45“. Erst im folgenden Jahr fiel der Karfreitag auf diesen Tag, den 19.4.46; der Gedanke passt selbstverständlich in beide Jahre.
