Briefe von Kompanie-Angehörigen

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Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwortverzeichnis Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personenverzeichnis Namen und Anschriften Personal i.IR 477 40–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Ortsverzeichnis Vormarsch-Weg Militärische Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

transskribiert von Winfried Schrödter
Brief Bohndorf 1.jpg
Brief Scheuerlein 1.jpg

Diese Briefe fand der Autor unter der Korrespondenz seines verstorbenen Vaters. Beide Briefe stammen von Angehörigen seiner Kompanie. Sie haben sie seinem Vater geschrieben, nachdem sie aus sowjetischer Gefangenschaft entlassen worden waren, während er noch in Russland festgehalten wurde.

Brief von Fritz Bohndorf

Abkürzungen wurden aufgelöst, die Orthographie verbessert und die Zusätze des Empfängers grau markiert

Heiligensee, 22.4.46
Antwort am
1.5.46

Sehr geehrter Herr Schrödter!

Ihre werten Zeilen vom 9.4.46 dankend erhalten, und freue mich, daß Sie von Ihrem Sohn Herbert jetzt ebenfalls ein schriftliches Lebenszeichen erhalten haben. Ehefrauen meiner früheren Kompanie-Kameraden, denen ich auch seinerzeit Grüße von ihren Männern überbrachte, schreiben und sagen mir, voller Stolz und Hoffnung, dass sie in den letzten Monaten auch Post aus Rußland erhalten haben.

Das freut mich dann immer ganz besonders, solche Nachricht zu hören, denn wir waren ja in der Kompanie eine Familie.

Im übrigen möchte ich Ihnen doch noch so verschiedenes von ihrem Sohn schildern.

Ich lernte Ihren Sohn als Kompanie-Führer beim MG-Bataillon Berlin im Dezember 1944 in Wandern kennen. Er überragte seinerzeit schon all die Offiziere des Bataillons durch seine Freundlichkeit. Hernach an der Front in Kurland war die Kompanie von Oberleutnant Schrödter in kameradschaftlicher Beziehung sowie verpflegungsmäßig die bestens betreute Einheit, und dieses verdanken wir alle Ihren Sohn, der stets für uns wie ein Vater sorgte. Traf man ihn in der Stellung oder auf der Rollbahn, sein Gefährt (Rad, Wagen oder Pferd) hielt immer an, und freundliche persönliche Worte wurden gewechselt.

All unsere Sorgen und Nöte konnte man ihm anvertrauen. Es war jedenfalls das das Schöne: seine herzlichen Trostworte hatten niemals den hohlen nationalsozialistischen oder politischen Inhalt. Seine Ausführungen und Erklärungen waren stets von seiner menschlichen überragenden Art getragen.

All meine Kameraden sahen in Ihrem Sohn ein kameradschaftliches Vorbild und niemals den Vorgesetzten. Dieses charakterliche Bild ihres Sohnes Herbert kann wohl jeder Kamerad der Kompanie geben.

Im übrigen ist Hans Scheuerlein, Regensburg, Trothengasse 72, ein Kompanie-Angehöriger, ebenfalls aus der Gefangenschaft zurückgekehrt.

Mein Ergehen in der Heimat ist den Umständen entsprechend gut zu nennen. Meine Tätigkeit in einem kleinen Holzbearbeitungsaufbau-Betrieb macht mir recht viel Freude. Meine Obliegenheiten, Material, Einkauf und Beschaffung sowie Liefern und Verkaufen der Fertigerzeugnisse sind recht befriedigend.

Meiner Familie geht es gottlob gesundheitlich gut, und das stärkt immer den allgemeinen Lebenswillen. Kleine alltägliche Sorgen müssen wir ja jetzt alle meistern.

In der Hoffnung, dass sie ihren Sohn Herbert recht bald in der Heimat willkommen heißen, grüßt sie sowie ihre Gattin recht freundlich

Ihr
Fritz Bohndorf

Herr B. wohnt:
(1a) Berlin-Heiligensee
Hemmingstedter Weg 5/7

Eine maschinenschriftliche, ebenfalls unterzeichnete Fassung des Briefs von Fritz Bohndorf ist dem Typoscript des Tagebuchs beigeheftet.

Brief von Hans Scheuerlein

Regensburg, den 1.IX.46

Sehr geehrter Herr Schrödter!

Vor einigen Tagen erhielt ich Ihren Brief und bin natürlich gerne bereit Ihnen nähere Auskunft über Ihren Sohn, Herrn Oltn. Schrödter zu erteilen.

Herr Schrödter übernahm Ende März unsere 1. Kompanie des MG=Bataillons 410. Ich selbst war als Obergefreiter Kompaniemelder und lebte so mit Ihrem Sohn bis zum Tage der Kapitulation am 8. Mai in einem Bunker zusammen. Außerdem habe ich Herrn Schrödter auf den Grabenstreifen bei Tag und bei Nacht begleitet. Über das Verhältnis zwischen Ihrem Sohn als Vorgesetzten und der Kompanie als Untergebene kann ich nur soviel sagen, daß er von allen Leuten als rechtschaffener Vorgesetzter geachtet war. Ich kann mich auch nie erinnern, daß es in unserem oder einem anderen Bunker zu einer beim Militär üblichen Schreierei oder Kommandiererei gekommen wäre. Es nahm vielmehr alles einen ruhigen Verlauf. Befehle, die eben ausgeführt werden mußten und gegen die der Einzelne ohnmächtig war, behandelte Herr Schrödter immer so, daß sie nach Möglichkeit erträglich waren und keinem eine außergewöhnliche Last auferlegten. Ich habe öfters erlebt, daß Ihr Herr Sohn beim Besuch höherer Vorgesetzter in unserem Kompaniegefechtsstand gegen deren Ansicht für das Recht und die Menschenwürde der Mannschaft wie der ganzen Kompanie eingetreten ist. Das Handeln von Herrn Schrödter als Vorgesetzter war das eines wahrhaftigen Frontoffiziers wie es leider nur noch wenige gegeben hat. Trotz seiner vorbildlichen Pflichterfüllung wußte und fühlte man, daß er diesem ganzen Morden innerlich ohne Verständnis und fremd gegenüberstand. Aber wir mußten ja schließlich alle gehorchen weil wir, und das hat Herr Schrödter selbst auch immer wieder gesagt, an das Schicksal unserer Angehörigen denken mußten.

Diese Haltung fand auch ihren deutlichen Ausdruck in der politischen Einstellung. In unserem Bunker wie überhaupt überall in der Gegenwart von Herrn Schrödter war offene Meinungsfreiheit und schärfste Kritik gestattet. Herr Schrödter hat sich selbst an diesen Kritiken gegen den Nationalsozialismus und seiner Führerschicht beteiligt. Als Herr Schrödter dann Anfang April die Stelle des NSFO (Nationalsozialistischer Führungsoffizier) des Bataillons trotz seines Widerwillens übernehmen mußte, war bei unseren politischen Gesprächen immer seine ironische Bemerkung: "... und so etwas spricht man im Bunker des NSFO." Ich kann mit Bestimmtheit sagen, daß Herr Schrödter weder seine Funktion als NSFO ausgeübt noch von ihr Gebrauch gemacht hat. Herr Schrödter mußte eben diese Stelle nehmen weil ein Offizier in dieser Funktion an obere Dienststellen gemeldet werden mußte. Unser Bataillon hatte nur noch 2 Kompanien und die Offiziere des Bataillonsstabes wälzten diese Funktion auf einen der beiden Kompaniechefs ab und der Chef der anderen Kompanie war Hauptmann. Natürlich mußte Herr Schrödter als Oberleutnant diese Stelle übernehmen. Als er einmal für einige Stunden zu einem Vortrag für NSFO zur Division mußte, tat er das mit einer deutlich gezeigten und ausgesprochenen Abneigung. Bei seiner Rückkehr berichtete er in unserem Bunker mit humorvollen, spöttisch=ironischen Worten von der geistsprühenden Rede des Propagandaoffiziers und bezeichnete selbst offen diese ganzen Verzweiflungsakte der deutschen Führung als "hellen Wahnsinn". Den Inhalt der Rede hat er nicht an die Kompanien weitergegeben obwohl dies sein Auftrag gewesen wäre.

Herr Schrödter hat aber diese Haltung nicht nur in den letzten Wochen des Krieges gezeigt, sondern bereits früher als er noch Leutnant war; er gehörte damals unserer Nachbarkompanie an. Ich ahbe mit vielen Kameraden dieser Einheit gesprochen und müßte lügen, wenn ich je ein schlechtes Urteil über Herrn Schrödter gehört hätte.

Während dieser letzten Kriegswochen von Ende März bis zum 8. Mai lagen wir in einer Stellung bei Peipas etwa 25 km südöstlich von Libau. Bei der Kapitulation kam ich von Herrn Schrödter weg noch bevor uns die Russen gefangen hatten. Nach etwa 5–6 Tagen, wir waren in der Zwischenzeit in einem Lager unweit Krottingen (Litauen) eingetroffen, kam auch Herr Schrödter in unser Lager. Wir blieben dann bis zum 3. Juni beisammen. Ich kam anschließend wie Herr Bohndorf nach Libau und von dort nach Riga, da wir als Kranke bzw. Schwerverwundete zur Entlassung vorgesehen waren. Als Mitte August ein größerer Transport von Offizieren im Lager Riga eintraf, war Herr Schrödter dabei. Ich erfuhr, daß sie von Krottingen nach Windau gekommen waren und daß dort die Offiziere von ihren Einheiten, die immer noch beisammen waren, wegkamen und dann in das Lager Riga überführt wurden. Ich verließ Riga am 31.VIII. Über die Behandlung in russischer Gefangenschaft wir Ihnen wohl Herr Bohndorf erzählt haben. Ich kann nur soviel sagen, daß man mit uns im großen und ganzen anständig verfahren ist. Die Offiziere haben einen besseren Verpflegsatz als ihn wir Mannschaften hatten und haben eine eigene Unterkunft. Auch können sie arbeiten, wenn sie wollen und dann sind sie Führer eines Arbeitskommandos. – So war es vor einem Jahr. Wie es heute ist kann ich natürlich nicht sagen.

Das Los der Kriegsgefangenen ist kein leichtes. Die bange Ungewißheit drückt die Kameraden hinterm Stacheldraht wie ihre Angehörigen in der Heimat. – Hoffentlich wird Ihr Herr Sohn recht bald erlöst und kann zu Ihnen und zu seiner Familie zurückkehren. – Sollten Ihnen noch irgendwelche Fragen auftreten, so bin ich gerne bereit sie zu beantworten. – Mit freundlichen Grüßen

H. Scheuerlein

NB. In Riga gibt es meistens Fabrik= und Handwerksarbeiten!


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