25. Dezember 1940

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

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Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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GEO & MIL INFO
ab 01.01.1941 17. A.
OB: noch nicht anwesend; ChdGenSt: Oberst Müller[1]
Vincenz Müller, 1941 bis 1943 Chef des General­stabes der 17. Armee (Foto von 1945)

Heute, am 1. Weihnachtsfeiertag haben wir ein Festessen im kleinen Kreis veranstaltet, nämlich der Spieß Fritz Schulz, der Futtermeister Unteroffizier Jupp Zimmermann und ich. Zu dritt saßen wir im Quartier des Futtermeisters am weißgedeckten Tisch und erfreuten uns an einem festlichen Gänsebraten mit Rotwein. Die Gans war polnisch und der Rotwein französischer Beutewein. So billig und schmackhaft habe ich selten gegessen. Die polnischen Gänse sind zwar nicht fett, aber spottbillig. Der Durchschnittspreis für eine Gans betrug 7 Zloty (3,50 M). Der Rotwein war als Marketenderware ausgegeben worden. Unsere Kompanie hatte ein 50-Liter-Fass bekommen. Da aber viele Kameraden in Urlaub waren und andere den etwas sauren Wein nicht mochten, entfielen allein auf mich 12 Flaschen. Aber auch mir war das zu viel, obgleich ich nun schon jeden Morgen zum Frühstück statt Kaffee Wein trank.

Als ich deshalb eines Tages vor dem Hause zufällig dem Schwiegersohn der Familie Kaczkowski begegne, biete ich ihm spontan eine Flasche Wein an, wobei ich allerdings mehr an seine spröde Frau als an ihn dachte. Er nahm die Flasche, und ich ging auf mein Zimmer. Zehn Minuten später klopft es an meine Tür. Auf mein Rufen tritt – ich traue meinen Augen nicht – die auffallend schöne Frau des Beschenkten ein. (Es ist die junge Frau Pollak, die mir damals das Rasierwasser gab.) Sie bedankt sich für meine Menschenfreundlichkeit, denn sie ist der irrigen Meinung, ich hätte den Rotwein für ihre alte Mutter gestiftet. Ich erfahre, dass ihre Mutter von der Gestapo ins Gefängnis eingeliefert worden ist, weil sie im Verdacht steht, einem vom SD gesuchten Polen zur Flucht verholfen zu haben[2], was aber nicht wahr sei. Nun sei die Mutter im Gefängnis erkrankt, und der Wein werde ihr sicher gut tun. ‚Sieh mal an!‘, muss ich denken, ‚wie gut deutsch sie plötzlich sprechen kann!‘. Dann äußert sie den Wunsch, die deutsche Sprache noch besser zu erlernen. Sie fragt, ob ich ihr wohl Unterricht geben würde. Ich sage sofort zu, vertröste sie aber bis zu meiner Rückkehr aus Berlin, denn ich fahre in Kürze in Urlaub. Dann geht sie wieder.

Vier Monate wohne ich nun schon in diesem Hause.[3] Jetzt endlich ist das Eis gebrochen. Ich erkenne, dass meine kleine menschenfreundliche Geste ihre Abneigung bezwungen hat, und dass man die Herzen der Menschen am sichersten mit Güte und Liebe gewinnt.[4]

Jeder Soldat muss sich vor Antritt seines Urlaubs einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Hat sicher seinen Grund. Ich sitze also im Wartezimmer unseres Bataillonsarztes und blättere in den ausliegenden Zeitschriften. Da fällt mein Blick auf ein Reklamefoto: Frau Lotte mit kleiner Tochter! Dann bin ich dran und trete ins Arztzimmer. Nach der Begrüßung und einem kurzen Gespräch schickt mich der Arzt ohne Untersuchung wieder weg. Er ist auch katholisch, kennt mich einigermaßen – auch vom Kasino her – und traut mir nichts Böses zu, der Gute.


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  1. TätBer 257. I.D. Frame 000191
    Vincenz Müller ist eine höchst interessante Persönlichkeit: Er war von der Aufstellung im Januar 1941 (noch als Oberst) bis 1943 Chef des Generalstabes der 17. Armee, also während der gesamten Zeit, in der der Autor zu dieser Armee gehörte. Als Generalleutnant ging er in sowjetische Gefangenschaft und trat umgehend dem NKFD bei. In der DDR leitete er den militärischen Wiederaufbau und war zuletzt Chef des Hauptstabes der NVA. 1955/56 verhandelte er mit Bundesfinanzminister Fritz Schäffer eine mögliche Wiedervereinigung. Am Ende fiel er wohl in Ungnade und beging Selbstmord.
  2. nähere Vermutungen hierzu weiter unten
  3. 11.10.1940–10.01.1041 wären drei Monate
  4. Der Autor hat nie auch nur geahnt, dass es sich um eine jüdische, in der Widerstandsbewegung aktive Familie handelte. Der Kontakt bedeutete also doppelte Gefahr für ihn, abgesehen davon, dass er Juden ablehnte.