28. Oktober 1940

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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Die Division erwartet Ersatz. Die Einheiten haben längst nicht ihre Sollstärke. Viele Soldaten sind in Urlaub, und die Anwesenden – alles „alte Leute“, d. h. altgediente Soldaten – machen nur den notwendigsten Dienst. Die MG-Züge und mein Granatwerfer-Zug[1] machen Gefechtsdienst in dem Hügelgelände am Rande der Stadt, und die Fahrer versehen ihren Stalldienst.

Meine Gruppenführer[2] – Feldwebel Gartschock, Feldwebel Lehmann, Feldwebel Nadler – und ich haben eigentlich nicht viel zu tun. Nur der Spieß, Fritz Schulz, führt in der Schreibstube einen fürchterlichen Papierkrieg. Ich selbst schlafe mich immer aus, frühstücke in Ruhe und gehe dann zum Stall, der nur zweihundert Meter von meinem Quartier entfernt in derselben Straße liegt. Hin und wieder lasse ich mir ein Pferd satteln und reite in die Gegend. Ich trabe die Feldwege entlang, überquere Wiesen und Weiden, reite durch die benachbarten Dörfer und sammle Beobachtungen über Land und Leute, Klima und Landschaft, Wirtschaft und Verkehr und was mich sonst noch geographisch interessiert.

Nicht immer geht es glatt. Als ich einmal auf einem großen starken Tier in leichtem Galopp eine Wiese überquere, erschrickt der Braune vor einem Entwässerungsgraben und bockt, so dass ich über den Hals des Tieres fliege, mich mit einem Salto in der Luft überschlage und wieder mit Füßen und ••• S. 8: Fotos; 9 •••Gesäß auf der Wiese lande. Erstaunlicherweise habe ich mir dabei nicht das Geringste getan und spürte nicht einmal den leisesten Schmerz.

GEO INFO
Zobniów Karte — map
Zobniów bei Jaslo (Galizien) Oktober 1940

In Zobniów kommt eine junge Frau jedesmal ans Fenster gelaufen, wenn ich die Dorfstraße entlangreite. Eines Tages spreche ich sie an und erfahre, dass sie eine ehemalige Deutsche ist, die vor dem Krieg einen Polen geheiratet und in Posen gelebt hat. Wegen dieser Heirat hat sie als abtrünnige Deutsche nichts Gutes von den deutschen Behörden zu erwarten. Beim Einmarsch der Deutschen ist sie von Posen hierher geflohen und lebt nun mit Mann und Mutter in recht ärmlichen Verhältnissen. Sie heißt Helene Magdiarsch. Als sie einmal auf meinem Zimmer war, habe ich ihr ein Butterbrot gegeben, das sie sofort aufaß. Da merkte ich erst, wie hungrig sie war. Ein andermal habe ich ihr einen Beutel mit Kohlen in ihr Haus gebracht. Auf solche Geschenke hat sie sicher gehofft, als sie mit mir anbändelte, wie es ja die deutschen „Fräuleins“ im Westen mit den amerikanischen Besatzungssoldaten auch gemacht haben.

Galizien: Erdöl-Bohrtürme bei Jaslo Oktober 1940
Die Erdöl-Bohrtürme im Jasło/Lemberger Erdölfeld gehörten dem Konsortium Małopolska, im Krieg von der Karpathen Öl AG übernommen
Die Erdöl-Bohrtürme, die der Autor erwähnt, sind bedeutend genug, um auch in der Karte verzeichnet zu werden ("Jessel" war der eingedeutschte Name von Jasło)
Den Erdöl-Bohrtürmen wurde 1944 eine Briefmarke gewidmet, die nicht mehr zur Ausgabe gelangte

Bei einem dieser Ritte sah ich mir auch einmal einen Erdöl-Bohrturm an. Die Ausläufer des Lemberger Erdölfeldes reichen bis hierher, und die Bohrtürme stehen hier in beträchtlicher Zahl auf Feldern und Wiesen und verschandeln das Landschaftsbild. Die Pumpen laufen Tag und Nacht und fördern mit schwerfälligem Schnaufen das dickflüssige, grünlichbraune Öl zutage. Es muss dann noch in mehreren Arbeitsgängen raffiniert werden. Seine Bestandteile sind in den einzelnen Gebieten unterschiedlich, und so wird aus der einen Sorte Paraffin, aus der anderen Benzin usw. hergestellt.

Ab und zu muss ich auch Aufträge der Kompanie durchführen. Kürzlich musste ich Schlacke besorgen, mit der wir die Wege in einigen Kompaniebereichen trockenlegen wollten. Ich ritt zu einem Angestellten der Eisenbahn, dessen Häuschen am Stadtrand lag. Dort angekommen, band ich mein Pferd mit der Trense am Gartenzaun fest und betrat das Haus. Während ich mit dem Polen sprach, deutet er plötzlich mit dem Arm nach draußen. Ich blicke durch das Fenster und sehe gerade noch, wie mein Pferd mit dem Kopf am Zaun entlangfährt, das Zaumzeug abstreift und sich langsam entfernt. Ich bin wie der Blitz draußen, aber je näher ich dem Tier komme, umso schneller wird sein Schritt. Dann springe ich mit einem Satz heran und kriege gerade noch den Steigbügel zu fassen. Der Fuchs setzt sich in Trab und schleift mich am Boden mit. Glücklicherweise gerät er in eine hohe Schneewehe, in der er bis zum Bauch versinkt. Da bleibt er stehen. Nun packe ich seine Mähne und führe ihn heraus. Er geht auch ganz brav mit. Nun zäume ich ihn wieder auf und reite nach Hause. Das hätte ein schadenfrohes Gelächter gegeben, wenn ich zu Fuß zurückgekommen wäre!

Ein anderer Auftrag war wesentlich unangenehmer. Ich war mit mehreren Fahrzeugen losgeschickt worden, um in den umliegenden Dörfern Heu für unsere Pferde zu requirieren. Ich stehe in der Bauernstube des polnischen Starosten (Bürgermeister), der mir resigniert die Gehöfte bezeichnet, auf denen ich noch Heu bekommen kann. Wir sind wohl nicht die ersten, die requirieren, und es ist nicht mehr viel da. Die hellblonde Tochter des Starosten geht mit kalter Verachtung an mir vorbei und streift mich mit einem feindseligen Blick. An der Wand hängen Ikonen und ein Kruzifix. ‚Herrgott, welch ein Wahnsinn‘, muss ich denken, ‚beide sind wir Glieder derselben katholischen Kirche, Glaubensbrüder, und müssen uns so weh tun!‘. Aber ich kann es ihm nicht sagen. Der Starost tut mir leid, und als ich dann zusehe, wie unsere Fahrer das Heu auf den Fahrzeugen zu Bergen stapeln, stoppe ich das Verladen vorzeitig und ziehe ab.

Was mich tröstet, ist die Tatsache, dass wir andererseits auch wieder Gutes tun. Wir verleihen täglich eine Anzahl unserer Gespanne an polnische Bauern, die sie zum Pflügen oder zu anderen Arbeiten gebrauchen. Auch dem polnischen Kloster stellen wir Gespanne, und ich habe mich sehr über die nette Art gefreut, mit der Fritz Schulz sie den Schwestern übergeben hat. Die Interessenten holen sich die Gespanne mit dem dazugehörigen Fahrer selbst ab. Es war zweckmäßig, dass immer dieselben Fahrer zur gleichen Arbeitsstelle gingen. Dennoch gab es großes Gelächter, als ein Mädchen mit unüberhörbarem Interesse ihren „Paul“ wieder anforderte. Die Leute versammeln sich nämlich morgens vor dem Stall, und Fritz veranstaltet dann immer mit viel Humor eine Art Versteigerung.

••• S. 10: Fotos; 11 •••Seit ich bei der 8./477 in Jasło bin, führe ich einen MG-Zug, der sein Quartier am entgegengesetzten Ende der Stadt hat. Der Dienst umfasst die üblichen Ausbildungszweige: Formalausbildung, Ausbildung an der Waffe, Schießen und Geländedienst. Dazu Übungsmärsche in bestimmten Zeitabschnitten. Da ich sonst keinerlei Zerstreuung habe, bleibe ich gewöhnlich bis zum Dienstschluss um 17 Uhr bei meinem Zug. Ich sitze also auch noch während des Waffenreinigens und der Putz- und Flickstunde bei den Männern. Als ich mir dann einmal während der Putz- und Flickstunde von einem meiner Männer die Haare schneiden ließ, deutete mir der Friseur sehr diskret und geschickt an, dass die Aufsicht über die beiden letzten Dienststunden den Gruppenführern zukäme und dass die Zugführer der anderen Züge niemals bis zum Dienstschluss dabei seien. Mir wurde klar, dass die Männer keineswegs darüber entzückt sind, wenn der Feldwebel ihnen bis zum Dienstschluss auf die Finger guckt. Sie wollen ja schließlich auch mal eine halbe Stunde früher Schluss machen! Ab sofort ließ ich mich in den beiden letzten Dienststunden nicht mehr sehen, zumal ich jetzt auch angenehmere Abwechslung in meinem Quartier fand.

Später, als die Rekruten eingetroffen waren[3], übernehme ich den schweren Granatwerfer[4]-Zug. Die Männer sind in einer von uns neu errichteten Baracke im Stadtzentrum untergebracht.

An den Sonntagen, die immer dienstfrei sind, verlasse ich das Haus erst gegen Mittag, um ins Kasino essen zu gehen. Im Winter muss ich dann mit meinen blitzblanken Stiefeln durch den Schnee, und im Frühjahr steige ich vorsichtig durch die Pfützen und über die schlammige Straße, die hier am Stadtrand nicht gepflastert ist.

Von Zeit zu Zeit ist sonntags Kirchgang. Das ist Dienst. Die Kompanie marschiert im Dienstanzug mit Stahlhelm zur Kirche, vorn die Evangelischen, am Schluss die von mir geführten Katholiken. An einer Straßenecke schwenke ich dann mit meinem Zug ab und marschiere zur katholischen Kirche, vor der wir warten, bis der polnische Gottesdienst beendet ist.

Jeden Samstag geht die Kompanie baden. Wir benutzen dazu das ehemalige Judenbad, dass durch eine Brauseanlage für unsere Zwecke hergerichtet ist. Ich gehe immer etwas später und bade dann mit den anderen Feldwebeln zusammen oder auch ganz allein. Als Bademeister ist ein älterer rothaariger Jude tätig.

Ruine der Großen Synagoge von Jasło

Der Weg zum Bad führt an der Ruine der Synagoge vorbei, die als stummer Zeuge unserer Schande und Torheit dasteht. Man brennt keine Kirchen nieder, ganz gleich, welcher Religion sie dienen. Das ist Barbarei und außerdem eine bodenlose politische Dummheit. Wohl haben wir hier auch manche Verbesserungen geschaffen. Wir haben die Hauptstraße mit ihrem Katzenkopfpflaster zu einer erstklassigen Asphaltstraße umgebaut. Auch der Marktplatz, der sich bei Regenwetter regelmäßig in eine Schlammpfütze verwandelte, bekam zunächst eine Kiesdecke und wurde später mit Fliesen belegt. Aber das sind technische Verbesserungen, die zwar zu materiellen Kultur gehören, die aber nicht ausreichen, um einen Hegemonieanspruch zu begründen, wenn nicht eine Kulturarbeit mit geistigen Werten hinzukommt. Wir haben zweifellos solche Werte zu bieten. Sie wirken allerdings langsamer und weniger sichtbar. Vorerst haben wir eine Kirche zerstört und dafür eine Asphaltstraße gebaut. Das ist ein erschreckender Aspekt. Man kann nur hoffen, dass er keine symptomatische Bedeutung hat. Aber die Armee ist nicht verantwortlich für diese Entwicklung.

Ich besuche mit noch zwei Feldwebeln das Gefängnis, in dem die SS oder Gestapo eine Abteilung für gefangene Juden unterhält. Wir klettern auf den Wachturm, um von dort aus die Gymnastikstunde der Gefangenen auf dem Gefängnishof zu beobachten. Vorher inspizieren wir das Gewehr des polnischen Zivilisten, der hier Wache steht. Wir lachen lauthals, als wir feststellen, dass das Gewehr ungeladen und der Lauf völlig verrostet ist. Dann beginnt die Gefangenengymnastik. Der Vorturner ist ebenfalls Jude. Er lässt einige Bodenübungen machen und boxt dann eine kurze Runde gegen einen Mitgefangenen, wobei er diesem einen harten Schlag ins Gesicht versetzt. Zum Schluss muss ein anderer Gefangener vor dem aufsichtführenden SS- oder Gestapomann stramm stehen und laut ausrufen: „Ich bin ein Jude und ein dreckiges Schwein!“ Dann verschwinden die Gefangenen im Gebäude.

Die galizischen Städte wimmeln von Juden. Der jüdische Anteil an der Stadtbevölkerung liegt dem Vernehmen nach bei 40 bis 60 %. Auch Jasło macht ••• S. 12 •••hier keine Ausnahme. Die alten Juden tragen alle einen langen Bart, den knöchellangen Kaftan und das runde Käppi. Auch in der Nähe unserer Schreibstube stehen mehrere Häuser, die von Juden bewohnt sind. Hier wohnen übrigens auch die Eltern meines früheren „Putzers“. Die Häuschen stehen dicht am Bürgersteig. Als ich einmal vorbei ging, saß an einem der niedrigen Fenster ein Mädchen. Im Vorübergehen, eine Sekunde lang, fiel mein Blick auf ihr Gesicht, eigentlich auf ihren Mund. Das Mädchen war bildschön, aber dieser Mund war hinreißend, von klassisch schöner Form und bezaubernder Anmut. Ich musste unwillkürlich an die Gottesmutter denken, und ich kann mir leicht vorstellen, von welch vollendeter Schönheit sie gewesen ist.


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  1. Zur Gliederung der Kompanie s. Gliederung der Maschinengewehrkompanie (MGK) eines Inf.Batls. Den Granatwerfer-Zug führte der Autor nach Eintreffen des Ersatzes am 28.10.1940.
  2. im Original „Wir Zugführer“, aber gemäß einer späteren Textstelle war Nadler, also wohl auch die anderen, Gruppenführer im Zug des Autors
  3. Am 28.10.1940 treffen 2000 Mann Ersatz z. T. aus dem Rheinland ein (KTB 257. I.D., NARA T-315 Roll 1802 Frame 000182).
  4. Granatwerfer (Bilder: 8-cm-Gr.W. 34, 12-cm-Gr.W. 42) werden heute als Mörser bezeichnet.