10. Dezember 1946

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Codenamen der Operationen im Sommer 1942 Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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GEO & MIL INFO
Kathedrale Karte — map
Baustelle: Ecken setzen für kleines Haus, ul. Konenkowa (ul. Kozlova?) Nr. 10 od. 12 Karte — map Karte — map
Arbeiten für KMTS(?) Lage unbekannt
Bauernhof: Panjepferd aufhelfen Lage noch unbekannt
Markt Karte — map
Güterbahnhof, Steilhang, Dorf Karte — map Karte — map Karte — map
19.: Beginn des Indochinakrieges
So muss der Autor die Kathedrale gesehen haben[1]
Ein Foto aus der ul. Bolschaja Sowjetskaja.[2] Durch diese Straße bin ich oft gelaufen. Hier haben wir gearbeitet, eingekauft und uns fotografieren lassen.
Ein Foto aus der ul. Konenkowa. Die Ähnlichkeit mit dem oberen Foto zeigt, dass die Straßen leicht verwechselt werden können. So war z. B. das Fotogeschäft hier und nicht auf der ul. Bolschaja Sowjetskaja
Diese Aufnahme von 1941 zeigt die ul. Konenkowa Ecke Kozlowa mit Blick auf das Trümmergrundstück Nr. 12 (Quelle)

••• S. 314 weiter •••10.12. Ich bekomme meine RK-Karte zurück. Dem Antifa-Mitglied Fritz Schäfer gefielen einige meiner Bemerkungen nicht („Bankräuber“ und „Menschenverächter“). Er liest oder zensiert also auch unsere Post.

Es ist ein eiskalter Wintermorgen. Eine glitzernde Schneedecke hat sich wie ein weicher Mantel über die Erde gelegt. In der Luft steht dichter, weißer Nebel, der das ganze Tal erfüllt und die Stadt unter seinen dicken Schwaden verbirgt. Von der Erde ist nichts zu sehen. Es ist, als ob man über den Wolken schwebt. Und aus diesem weißen, lichtdurchfluteten Wolkenmeer ragt die Uspenskij-Kathedrale heraus. Wie auf Wolken gebaut, heben sich ihre schneeweißen Mauern empor bis zu den 5 runden Türmen, deren vergoldete Kuppeln strahlend in gleißendem Glanz vor dem tiefblauen Himmel stehen. Es ist wie eine wunderbare Vision.

In der Nähe dieser berühmten Kathedrale arbeite ich mit meiner Brigade an einem kleinen Haus, das im Krieg völlig zerstört war. Es liegt in derselben Straße, wie das Fotogeschäft und der Tabakladen, sogar ganz in der Nähe. (Von der gegenüberliegenden Straßenseite aus ist das Foto von der Kathedrale gemacht.)[3] Das Haus war bis auf die Grundmauern zerstört. Vor dem Wiederaufbau suchten wir aus dem Bauschutt zunächst die noch brauchbaren Steine heraus und schlugen mit dem Hammer den Mörtel ab. Es ist bitterkalt, und wir arbeiten im Freien. An 2 Tagen war es so eisig, dass wir schon um 15 Uhr, 2 Stunden vor dem offiziellen Arbeitsschluss, ins Lager zurückgingen. Zu dieser Arbeitsstelle gingen wir ohne Posten und hatten etwas mehr Freiheit. Auch der sehr verständnisvolle russische Aufseher ließ sich selten sehen. Wer geht bei solcher Kälte schon freiwillig raus!? Auf dieser Baustelle habe ich einen Rekord aufgestellt: Innerhalb eines ganzen Arbeitstages habe ich 12 Backsteine geputzt. Es war aber auch zu kalt. Wir hatten keinen einzigen Fachmann in der Brigade, aber wir begannen mit dem Wiederaufbau so, wie wir es den Maurern auf anderen Baustellen abgeguckt haben: Mit dem Setzen der Ecken. Der Natschalnik traute aber un••• S. 315: 2 Bilder von Smolensk; S. 316 •••serer Kunst nicht recht und fragte mit unverhohlenem Misstrauen, ob wir denn Fachleute seien. Unseren Beteuerungen glaubte er nicht, und eines Tages wurden wir durch eine andere Brigade ersetzt, was uns ganz lieb war.

Auf manchen Stellen arbeiten wir wochenlang. An anderen Plätzen arbeiten wir nur ein paar Tage. Nachdem wir von dem kleinen Haus abgelöst worden waren, arbeite ich mit meiner Brigade an einer anderen Stelle in demselben Stadtviertel (für KMTS?). Der dortige Natschalnik, ein Schreibstubenfritze, war etwas unfreundlich, aber das lässt uns schon lange kalt. Oft schaden sie sich selbst damit, denn dann arbeiten wir auch entsprechend unfreundlich. Nur einmal war ich wütend. Wir wurden nach Arbeitsschluss von hier aus immer mit dem Lkw ins Lager zurück gefahren, denn es lag am anderen Ende der Stadt. Der Lkw stand auf dem Hof, einige hundert Meter entfernt, aber es war gerade 17 Uhr, also Arbeitsschluss, und der Fahrer weigerte sich, uns noch ins Lager zu fahren. So mussten wir den ganzen Weg zu Fuß machen.

Der Natschalnik fordert plötzlich 2 Mann für eine andere Arbeit an. Ich gehe mit. Wir kommen zu einem kleinen Bauernhof außerhalb der Stadt. Das Panjepferd des Bauern liegt im Stall am Boden. Es war vor Schwäche umgefallen und konnte sich nicht mehr selbständig erheben. Mit vereinten Kräften und einem Strick stellten wir das arme, halb verhungerte Tier wieder auf die Beine.

Kommandos, die weit entfernt vom Lager arbeiteten, nahmen ihre „Produkte“ für das Mittagessen mit und kochten es am Arbeitsplatz selbst. Die dem Lager näher gelegenen holten sich das fertige Essen aus dem Lager ab, oder es wurde ihnen gebracht. In unserem Fall holten wir es uns selbst, und zwar übernahm ich das Geschäft, weil ich mich dann etwas freier durch die Stadt bewegen konnte. Ich band unseren Essenkübel auf einem Schlitten fest und zog los. Mein Weg führte von der jetzigen Arbeitsstelle immer durch die ziemlich steil abfallende Straße an der Kathedrale vorbei. Manchmal gehe ich auch über den Markt, schlendere an den Ständen vorbei, höre mir die Gespräche der Leute an und kaufe gelegentlich auch selbst etwas. Meist Brot, Butter oder Milch. Ich wurde niemals unfreundlich behandelt. Nur einmal zeigte sich ein Anflug von Unfreundlichkeit, als zwei halbwüchsige Burschen, die gerade neben mir standen, als ich Butter kaufte, meine Worte nachäfften: „Pol kilo maslo, pol kilo maslo!“[4]

Der Güterbahnhof von Smolensk, der größtenteils im östlichen Stadtteil liegt, hat eine beachtliche Ausdehnung. Wir entladen hier einen Waggon mit Zement, losem Zement! Wir müssen ihn mit Schaufeln in einen Lkw umladen. Primitiver geht es kaum. Wir haben uns Taschentücher vor die Nase gebunden, aber trotz aller Vorsicht staubt es fürchterlich, und wir sehen entsprechend mehlig aus. Außerdem ist auch der Natschalnik noch reichlich unfreundlich. In der Nähe liegt ein Stapel Rundhölzer, 2 m lang und 10 cm Durchmesser. Als der Aufseher uns mal für einen Augenblick verlässt, schnappe ich mir einen Stamm und steige damit den steilen Hang hinauf, der die Gleisanlagen im Norden begrenzt. Oben auf der Ebene liegt ein Dorf. Hier gehe ich nun von Haus zu Haus und biete mein Stämmchen an. Niemand kann es gebrauchen. Offenbar haben sich schon viele andere mit demselben Unternehmen befasst. Die Leute sind versorgt. Eine junge Frau sagt, sie könne es nicht zerhacken. Sie hätte lieber Torf. Also weiter. Ich habe schon das halbe Dorf abgeklappert. Ich stapfe durch den Schnee, der stellenweise noch kniehoch liegt, aber am Boden schon zu tauen beginnt. Er ist matschig und am Boden schon wässrig. Das Tauwasser bringt schon durch meine Filzstiefel. Meine Füße werden nass. Endlich finde ich ein Haus, in dem ein älteres Ehepaar wohnt. Sie nehmen mir den Stamm für eine Handvoll Kartoffeln ab. Während der Unterhaltung erzählen sie mir, dass sie einmal von einem deutschen Kriegsgefangenen betrogen worden seien. Sie hatten ihm ein Stück Seife abgekauft, und als sie es benutzen wollten, kam ein Holzstück hervor. Der Landser hatte ein Holzklötzchen mit einer dünnen Schicht Seife überzogen und hart werden lassen. Mit solchen Gaunermethoden verdarben diese Ganoven unseren meist guten Ruf und enttäuschten die Gutmütigkeit der uns überwiegend wohlgesinnten Bevölkerung. Ich habe sehr schnell herausgekriegt, wer dieser Lump war: Es war derselbe, der uns damals das Zigarettengeschäft verdorben hatte.

Ich muss eilig zurück, denn ich war lange fort. Schon von oben sehe ich den Natschalnik am Waggon stehen. Ich mache einen kleinen Bogen und schlängele mich im Schutz anderer Güterwaggons an den unseren heran. Der Aufseher hat mich nicht bemerkt. Oder er dachte sich, dass ich als Brigadier ja nicht ••• S. 317 •••mitzuarbeiten brauche.

Arbeitsschluss. Wir stehen an unserem Lkw, der uns ins Lager zurückbringen soll. Wir warten auf den Fahrer, der in das Gebäude der Güterbahnhofsverwaltung gegangen war. In unserer Nähe steht ein Lkw, der Weißkohl geladen hat. Einer von uns pirscht sich langsam heran und angelt ein paar Kohlköpfe herunter, die wir gleich in unserem Lkw verstauen. Aber eine Angestellte der Bahnhofsverwaltung hatte uns von ihrem Büro aus beobachtet. Wie eine Furie kommt sie herausgestürzt, rennt zu unserem Wagen und holt unter pausenlosem Schimpfen die Kohlköpfe wieder herunter, während wir ziemlich ungerührt zu sehen. Selbst im Weggehen dreht sie sich noch einmal um und schleudert uns, Wut und Verachtung in den blitz blauen Augen, zornig entgegen: „Friiitz!“ (Man nennt uns hier oft etwas abfällig „Fritz“, so wie wir die Russen „Iwan“ nennen.)

Später arbeiten wir wieder an einer anderen Stelle des sehr ausgedehnten Güterbahnhofs. Wir stehen wartend bereit, um einen Zug mit Bausand zu entladen. In unserer Nähe wartet eine Frauenbrigade, die denselben Auftrag hat. Der Zug steht in einigen 100 m Entfernung, hat aber offenbar noch keine Einfahrt. Den Frauen dauert es zu lange, und sie gehen dem Zug schon langsam entgegen. Sie klettern schon in die Waggons, und dann sehen wir, die rechts und links dünne, gelbe Sandsträhnen aus dem Güterwagen herunterrieseln. Die Frauen haben begonnen, vorsichtig und unauffällig die Waggons zu entladen. Zwar ist der Sand, den sie dort abwerfen, nutzlos vergeudet, denn diese Häufchen holt niemand dort von den Gleisen weg, aber der Zug ist schneller entladen, und die Frauen haben ihre Norm erfüllt. Auch der Bürokratie ist geholfen, denn sie sparen Standgeld.

Diese Frauen sind Hilfsarbeiter und werden, wie alle ungelernten in der Sowjetunion, schlecht bezahlt. Selbst bei erfüllter Norm von 100% ist der Verdienst mäßig. Also versuchen sie vor allem, ihren Verdienst aufzubessern. Wie die Baufirma mit dem fehlenden Sand fertig wird, ist ihnen völlig gleichgültig. Die Baufirma wird dann eben auch ein bisschen mogeln und pfuschen. Irgendwie läuft es dann schon. Nitschewo!

Der Zug rollt an und hält. Nun gehen auch wir an die Arbeit. Beim Öffnen der Waggons erleben wir eine neue Überraschung. Aus manchen Wagen waren Bodenbretter herausgerissen. Einer der Waggons hat nur noch zwei Bodenbretter, und die Ladung bestand aus dem Sandrest, der sich trotz des Rüttelns während der Fahrt noch auf diesen beiden Bohlen gehalten hatte. Das war vielleicht eine Schubkarre voll, aber der Waggon lief natürlich in den Frachtpapieren als vollbeladen. Wie die Firma mit dem fehlenden Sand zurechtkommt, ist mir ein Rätsel. Das ist eines der vielen Probleme der staatlichen Planwirtschaft.

Ein Waldkommando wird zusammengestellt. 40 Mann. Sie werden in einem kleinen Raum einer winzigen Kate untergebracht. Kein Arzt, keine Medikamente, Lumpen statt Strümpfe, schlechtes Schuhwerk, zusätzliche Nachtarbeit. Für das Kommando werden 30 Pelzmäntel geliefert, schöne, dicke Schafspelze. Der Russe hat diese Mäntel im nächsten Dorf gegen die schäbigen, abgetragenen Pelze der Bauern eingetauscht und als Gegenwert noch einen Batzen Bargeld erhalten. Die schäbigen Pelze der Bauern wurden dann an die Waldarbeiter ausgegeben. Alles in Ordnung: Die Waldarbeiter haben 30 Pelze bekommen, wie befohlen. – Nach vier Wochen kommen die ersten kranken Waldarbeiter zurück. Darunter ein guter Bekannter von mir. Er ging als kräftiger, stämmiger Bauernjunge in den Wald und kommt als Gerippe zurück, nach 4 Wochen! Ich habe ihn nicht wiedererkannt und bemerkte es erst, als er sich zu erkennen gab. Ich habe in den Lagern schon viele halbtote Skelette herumlaufen sehen, aber diesmal bin ich ernsthaft erschrocken. Ich bringe ihm nun ein paar Tage lang abends immer eine Scheibe Brot von meiner Abendration. Mehr kann ich auch nicht entbehren.

Dieser Hunger ist nicht der lächerliche Hunger, den wir früher im Magen spürten, wenn wir mal eine Mahlzeit ausgelassen hatten. Dieser Hunger hier „nagt in den Eingeweiden“. Dies trifft den Zustand zwar nicht genau, kommt dem Gefühl aber schon näher. Er erfasst den ganzen Körper, dazu das chronische Schwächegefühl. Die Gedanken kreisen fast nur noch um Essen, Schlaf und Prozente. Die geistige Regsamkeit lässt nach. Geist und Seele verkümmern in einem dahinvegetierenden Körper. Wir werden reizbar und manchmal schon komisch. Wir sprechen manchmal in ruhigen Minuten darüber und erkennen, dass wir uns verändert haben.


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  1. Quelle (nicht mehr online): Смоленск Успенский Собор – Foto: Владимир Блящев
  2. hier aus Carell 1963, gegenüber S. 177. Der Autor hatte aber eine andere Quelle zur Verfügung, wie die Bildunterschrift der Kopie im Tagebuch zeigt.
  3. Nach der Beschreibung lag diese Baustelle auf der östlichen Seite der ul. Konenkowa (möglicherweise eins der älteren kleinen Häuser Nr. 10 od. 12, bei Google Maps zur ul. Kozlova nummeriert), da dort das Fotogeschäft lag und man von der westlichen Straßenseite aus das gleiche Foto machen kann wie das vom Autor verwendete, das auf der ul. Bolschaja Sowjetskaja entstand.
  4. полкило масла, ein halbes Kilo Butter; der Neid ist erklärlich durch den damals in der Sowjetunion, vor allem in den Wiederaufbaugebieten, d. h. den Städten, herrschenden Mangel an Wohnungen und vor allem Lebensmitteln (Cartellieri S. 329 f., 343)