5. Dezember 1946

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Codenamen der Operationen im Sommer 1942 Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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GEO INFO
Smolensk Hauptbahnhof Karte — map
Hier an dieser Stelle und direkt vor dem Bahnhofsgebäude habe ich Gleise und Weichen vom Schnee freigefegt.[1]
Behelfsbau zur Zeit des Autors (Quelle)

Ab 5.12.46 wird das Normsystem verschärft: Bei 100–110% Arbeitsleistung gibt es 600 g Brot, bei 80–100% 500g, bei weniger als 80% nur 400 g Brot und weniger Produkte (so nennen sie hier die Nahrungsmittel, Mehl, Hirse, Kartoffeln, Gemüse). Wer also außer der oft unzureichenden Verpflegung im Lager noch ein paar Rubel Bargeld verdienen wollte, um sich zusätzlich etwas zu kaufen, muss 150% Arbeitsleistung erreichen. Aber noch schlimmer ist, dass sie uns nicht einmal die echt verdienten Prozente anschreiben. Wir werden von Iwan und dem Lageradel einschließlich der Küche laufend betrogen, mit der Arbeitszeit, dem Verdienst, der Bekleidung, dem Essen. Statt Sojamehl gibt es zermahlene Bohnen, weil Iwan das wertvollere Sojamehl verkauft und gegen die roh durchgedrehten Bohnen eingetauscht hat. Kartoffelsuppe aus ungeschälten Kartoffeln.

Die unzureichende Ernährung führt auf die Dauer zu schweren Schädigungen, Magen- und Darmkrankheiten, Zahnerkrankungen, körperlichem und geistigem Verfall. Diejenigen, die nur auf die Lagerverpflegung angewiesen sind, sind nach 1/2 Jahr kaputt und sterben. Wir haben es erlebt. Die Distrophiker, die hier herumlaufen, sind Wracks. Wenn sie Glück haben, werden sie nach Hause geschickt, bevor sie sterben. In der Heimat liest man dann die Todesanzeigen: „Völlig entkräftet aus sowjetischer Gefangenschaft... gestern beerdigt.“ Oder: „... krank für immer...“ Hier geschehen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von der die Weltöffentlichkeit nichts erfährt oder sie ignoriert. Seit 2 Jahren werde ich zu keiner Mahlzeit mehr richtig satt. Immer hungrig, immer hungrig. Keine Kraft mehr.

Einer von uns, ein Bauernsohn, sagt: „Wenn ich nach Hause komme, gehe ich in unseren Schweinestall und hole mir einen Schlag aus dem Futtertrog, denn unsere Schweine bekommen nahrhafteres Futter, als wir hier.“

Auf der Hochfläche hinter unserem Kulturpalast liegt eine dörfliche Siedlung mit kleinen Holz-häusern, wie sie typisch sind für die Außenbezirke der großen Städte. In einem dieser Häuser sprechen wir mit einem Mädchen, das während des Krieges in Deutschland gearbeitet hatte. Sie erzählt so begeistert, wie schön dort alles gewesen sei, dass wir sie schließlich fragten, warum sie denn nicht dort geblieben sei. Da sieht sie uns erstaunt an und sagt: „Aber hier ist doch meine Heimat!“

Ein Landser sagt: „Der Iwan hat 2 große Fehler gemacht. Er hat uns die Sowjetunion gezeigt, und er hat seinen Soldaten Deutschland gezeigt!“

In Kinos, Zeitungen, Büchern und im Radio wird gegen uns gehetzt. Einer der übelsten Hetzer ist der Jude Ilja Ehrenburg. Seine Bücher triefen von Hass. Sein Aufruf an die Rote Armee „Vergewaltigt die blonden Bestien“[2] ist millionenfach befolgt worden. Trotzdem ist es geradezu erstaunlich, wie wenig Wirkung diese ständige Hetze auf die Bevölkerung hat. Bei der bäuerlichen Bevölkerung ist sie überhaupt wirkungslos, in der Stadt ist sie hin und wieder spürbar. Wir merken es z. B. bei einem unsrer Natschalniks, der uns morgens immer mit dem Lkw zur Arbeitsstelle abholt. Wenn der mal ganz besonders gehässig ist, dann wissen wir, dass am Abend vorher wieder im Radio gehetzt worden war.

Ein Landser kommt zu mir, um mir sein Leid zu klagen und Rat zu holen. Man hat ihm aus der Heimat geschrieben, dass seine Frau ein Kind von einem Russen der Besatzungsmacht bekommen hätte. Er ist ganz niedergeschlagen und ratlos. Ich sage ihm, er solle erst einmal abwarten und sich nach den genauen Umständen erkundigen. Vielleicht oder wahrscheinlich ist es ein erzwungenes Kind und seiner Frau schuldlos.[3]

5.12. Holz sägen für KMTS[4]. Wir vergraben Holz im Schnee, um es später zu verkaufen. Es geht hier ernsthaft um die Frage: Stehlen, um der drohenden Vernichtung zu entgehen, oder anständig bleiben auf die Gefahr hin, zu sterben.

••• S. 314 •••Bahnhof (Bild). Seit Tagen schneit es sehr stark. Ein Kommando wird abgestellt, um die Gleise und Weichen vor dem Bahnhofsgebäude frei zu fegen. Wir bekommen Reisigbesen und fegen, wie befohlen. Von Zeit zu Zeit gehen wir in die Bahnhofshalle, um uns aufzuwärmen. In der Halle befindet sich auch ein Magazin (ein Verkaufsstand). Hier können die Reisenden Brot und andere Kleinigkeiten kaufen oder sich heißes Wasser zum Teeaufbrühen geben lassen. Das Kilo Brot kostet 40 Rubel. In der Halle und auf dem Bahnsteig sind nur wenig Menschen.

Eines Tages war die Bahnhofshalle abgesperrt. Man ließ weder uns, noch die Russen herein. Aber durch die Scheiben konnten wir sehen, dass das Magazin ungewöhnlich reich mit Waren ausgestattet war. Wir waren wieder bei der Arbeit, als ein Zug einlief und hielt. Wir fegten, in dicke Pelze gehüllt, auf den Gleisen herum und warfen ab und zu einen Blick zu den Zugfenstern hinauf. Hinter den geschlossenen Fenstern standen die Fahrgäste und blickten stumm und neugierig auf uns herunter. Dann mal ein kurzes Kopfnicken, ein kleines Lächeln. Schließlich zog einer trotz der Kälte das Fenster herunter. Wir wechselten ein paar Worte: Deutsche! Nun ging ein hastiges Fragen und Antworten los. Es waren deutsche Techniker und Ingenieure von der AEG, die für 5 Jahre nach Moskau dienstverpflichtet waren und sich nun mit ihren Familien auf dem Weg dorthin befanden. Sie durften in der Bahnhofshalle Brot und andere Dinge aus dem Magazin kaufen. (Also für sie war das Magazin so vollgepackt: Seht, in Russland ist alles zu haben, uns geht es gut!) Sie zahlten für das Kilo Brot nur 4 Rubel.

Am nächsten Tag war die Halle wieder offen für alle. Das Brot kostete wieder 40 Rubel!

Wenn wir – die Techniker aus dem Zug und die Plennis auf den Gleisen – nun eines Tages zu Hause erzählen, dass wir zur selben Zeit im selben Geschäft Brot für 4 bzw. 40 Rubel gekauft haben, dann fragt sich jeder, wem man nun glauben soll, denn einer muss ja lügen. Aber das stimmt nicht. Sie haben beide recht! So ist das in Russland![5]

Auf dem Bahnhof hält ein Stolypin-Wagen (ein Sak-Waggon[6]). Das sind D-Zug-Wagen, die mit allen erdenklichen Raffinessen speziell für Gefangenentransporte gebaut sind. Und dann führt man auch schon eine Gruppe russischer Zivilisten heran, Strafgefangene, die unter starker Bewachung einsteigen. Stark bewachte Kolonnen von Strafgefangenen gehören zum normalen Straßenbild in russischen Städten.


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  1. Bildtext der (noch unbekannten) Original-Quelle: 420/421 Das war der Bahnhof von Smolensk. Unzählige Soldaten sind über diesen Knotenpunkt der Ostfront gefahren. Am 24.09.1943 wurde die Stadt aufgegeben und das Bahnhofsgebäude samt Gleisanlagen von Pionieren gesprengt.
  2. Dieser Aufruf stammte nicht von Ilja Ehrenburg.
  3. vgl. Cartellieri S. 297
  4. KMTS bedeutet hier wahrscheinlich Контор Материально-Технического Снабжения (Büro für materielle und technische Versorgung, Logistikbüro). Derartige Büros gibt es bei verschiedensten Verwaltungen, der eines Oblast, einer Stadt (z. B. dem Wohnungs- und Kommunalbüro der Stadt Smolensk, bis 1992 ein russisches Staatsunternehmen), des Straßenbaus, der Forstwirtschaft, bei Militärverbänden und sogar bei der Ermittlungsabteilung des Untersuchungsausschusses der Russischen Föderation für das Gebiet Smolensk.
  5. Solche Ereignisse waren aber weder ungewöhnlich noch unbekannt (Cartellieri S. 316).
  6. nach der russischen Bezeichnung Вагонзак