14. Juli 1946

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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III. Smolensk

GEO INFO
Lager 401/9 im Arbeiter-Klub[1] der Fabrik „Kalinin“ Karte — map
Kalkgrube möglicherweise in dieser Gegend: Karte — map
Suche nach Örtlichkeiten und Menschen in Smolensk Karte — map

14.7.46. Früh 3 Uhr Ankunft in Smolensk. Ein Teil des Transportes fährt weiter und nimmt unsere ganze Verpflegung für eine Woche mit.

Lager 401/9. „Deutscher“ Lagerleiter: Max Gasmann aus Stuttgart/Untertürkheim. Im Krieg zeitweilig bei einem Bewährungsbataillon. Offiziershasser. Bei unserer Ankunft natürlich die unausbleibliche Filzung. Aber hier erleben wir etwas Neues: Hier beklauen uns die eigenen deutschen „Kameraden“, nämlich die roten Antifa-Genossen und der Herr Lagerleiter persönlich. Mir klaut er mein letztes Reservehemd und ein Paar Turnschuhe. Diese Dinge hatten mir die Russen sogar noch gelassen, und das will schon was heißen. Ich nehme mir vor, ihn nach meiner Entlassung wegen Beraubung zu verklagen. Meinen Wäschebeutel aber haben sie nicht gekriegt. Ich hatte ihn vor der Filzung in der Schmiede zwischen Werkzeug versteckt! Der Schmied hat es nicht verraten, ein anständiger Kerl.

Im Lager russische Verhältnisse: Kriegsgefangene mit kahlgeschorenen Köpfen, unsere Unterkunft, ein Kinosaal, ohne Tageslicht. Die Holzpritschen mit blanken Brettern ohne Strohsäcke und völlig verwanzt. Gehässige deutsche Lagerleitung, besonders gegen uns Offiziere. Der „Lageradel“ ist sofort an seiner besseren Kleidung und dem guten Ernährungszustand erkennbar. Mit Lageradel bezeichneten wir die „deutsche“ Lagerleitung (natürlich alles Kommunisten), die Antifa-Clique (Kommunisten und Mitläufer), manchmal auch die Mitglieder der Kulturgruppe (Musiker, Theaterspieler) und die WK-Leute. Auch dies war eine Neuheit für uns: Diese WK-Genossen sind ein Wachkommando, die als Helfershelfer der russischen Wachmannschaften unsere Arbeitsgruppen draußen bewachten. Dieser Lageradel (Lagerleitung, Antifa und WK-Leute) genießen alle nur denkbaren Vorteile. Sie genießen alle Privilegien der herrschenden Klasse, aber sie propagieren die klassenlose Gesellschaft ohne zu merken, wie unglaubwürdig sie sind.[2]

Als Brigadiere (Vorarbeiter, Gruppenführer) der Brigaden (Arbeitsgruppen) fungieren Volksdeutsche, die, ähnlich wie die Österreicher, sich nicht mehr als Deutsche bezeichnen wollen. Vielleicht hoffen sie, dadurch früher entlassen zu werden. Der einzig relativ Anständige ist der Lagerälteste. Er ist Leiter der Antifa und überzeugter Kommunist. Aber vielleicht gilt er nur als anständig, weil er sich kaum öffentlich engagiert. Er hat sich allerdings auch nie gehässig gezeigt. Aber das gesamte übrige rote Gesindel exerziert uns hier das reinste, brutalste Terrorregime vor, gegen das die Hitlerdiktatur geradezu harmlos war. Hier tobt sich der Hass der Roten gegen alles Nationale, Bürgerliche und Soldatische aus. Hier kühlt der kleine Mann aus dem Pöbel, durch die Umstände nach oben gespült, seine Rachegefühle und genießt die Macht, die er im bürgerlichen Leben nie besessen hat. Nur tobt er sich am falschen Objekt aus: An dem unschuldigen deutschen Landser. Und natürlich ganz besonders an den Offizieren.

„Kameraden erzählen“, ein Textteil ohne Gewähr für die Wahrheit des Berichteten[3]

Kameraden, die schon während des Krieges in Gefangenschaft gerieten („Altgefangene“), erzählen, dass sie als Kriegsgefangene Munitionszüge beladen mussten (Verstoß gegen Genf!), bis sie umfielen. Dabei wurden täglich 2–3 Kameraden mit Knüppeln erschlagen. – Im Lager Minsk sind von 2250 Kriegsgefangenen 1950 ge••• S. 304 •••storben.

Ende des Abschnitts „Kameraden erzählen“, ein Textteil ohne Gewähr für die Wahrheit des Berichteten
Der 1940 erbaute Arbeiterclub in den 1950er Jahren, d.h. nicht lange nach der Nutzung als Kriegsgefangenenlager
Niederlassung Smolensk der staatlichen Rechtsakademie Saratow, Ansicht 2015

Wir sind in dem Versammlungs- und Gemeinschaftshaus einer Fabrik untergebracht. Die Fabrik liegt am Rande des Dnjeprtales, und unsere Unterkunft, hochtrabend „Kulturpalast“ genannt, liegt oberhalb der Fabrik an dem schon steiler werdenden Hang. Von unserem Lager aus blicken wir in das Dnjeprtal hinunter auf Teile der Stadt. Unten im Tal verläuft auch die Bahnlinie Berlin–Warschau–Minsk–Smolensk–Moskau. Hier sehen wir im Abstand von 1/2 Stunde Tag und Nacht die Raubzüge aus Deutschland vorbeifahren, voll beladen mit Fabrikausrüstungen, Autos u. dgl. Einmal auch einen Gefangenentransport, alle Fenster vergittert, vorn und hinten ein aufmontiertes Maschinengewehr.

Smolensk hatte vor dem Krieg ca. 150.000 Einwohner[4], heute 75.000[5].

Wir arbeiten mit 6 Mann in der Kalkgrube. Sie liegt in einem etwas hügeligen Gelände außerhalb der Stadt. Unsere Brigade fährt morgens mit einem Lkw in westlicher Richtung aus der Stadt heraus durch den Wald von Katyn und erreicht dann das Gelände, in dem sich eine kraterartige Mulde befindet, die wir Kalkgrube nennen.[6] Hier brechen wir Kalkgestein. Mit Schaufeln und Spitzhacken arbeiten wir uns in die Seitenwände hinein, zuweilen unter dem überhängenden Gestein stehend. Die losgeschlagenen oder mit den Händen herausgebrochenen Kalkbrocken werden dann zu einem Würfel von 1 Kubikmeter aufgestapelt, die der gehässige Natschalnik[7] (Aufseher) mit seinem Zollstock nachmisst. Wir nennen diesen schon etwas älteren Iwan die „Kalkeule“. Wenn wir nämlich morgens ankommen, sehen wir ihn schon von weitem auf einem Hügel stehen und uns entgegenblicken. Mit seiner lose über die Schultern gehängten Wattejacke sieht er dann einer großen Eule sehr ähnlich. Er hasst uns. Von Arbeitsgeräten hält er nichts. Wir sollen alles mit den Händen machen. Dauernd brüllt er: „Rukami, rukami![8]“ Mit den Händen, mit den Händen! Er gibt uns auch nie 100 %, obgleich unsere Würfel genau stimmen. Wir waren immer sehr gewissenhaft. Aber jetzt fangen wir an, ihn übers Ohr zu hauen. Wenn er mal für einen Augenblick fortgeht, bauen wir schnell einen Würfel zusammen, der innen große Hohlräume hat. Oder wir packen innen wertloses Gestein hinein. So werden wir allmählich in die Kniffe russische Arbeitsweise eingeführt. – In der Mittagspause gehen wir öfter im Dnjepr baden.

Manche unserer Brigaden arbeiten mit russischen Strafgefangenen zusammen, die 5 Jahre Zwangsarbeit erhalten haben, weil sie während des Krieges bei deutschen Dienststellen gearbeitet haben oder in Deutschland waren. Auch ehemalige russische Offiziere sind darunter, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren. Einer ist jetzt Lkw-Fahrer. Es sind Männer, Frauen, Mädchen und z. T. fast noch Kinder. In den ersten 1 1/2 Jahren dürfen sie ihren Angehörigen nicht schreiben. Ihnen ging es in Deutschland besser. Sie bekamen mehr Essen und mehr Geld.


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Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

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Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

  1. Das Gebäude steht heute noch und beherbergt die Niederlassung Smolensk der staatlichen Rechtsakademie Saratow.
  2. Über den Lageradel ausführlich Cartellieri S. 89 ff.
  3. Aus dem Vorwort: Für den Wahrheitsgehalt der Abschnitte „Kameraden erzählen“ kann ich mich nicht unbedingt verbürgen. Bei derartigen Berichten sind Übertreibungen und Wichtigtuerei der Erzähler nicht auszuschließen, obgleich ich persönlich aus eigenem Wissen und Erleben an der Wahrheit dieser Berichte im Prinzip nicht zweifle.
  4. 1939 (gem. Wikipedia); die Zahl 250.000 im Original ist entweder eine propagandistisch übertriebene Angabe oder ein Tippfehler.
  5. 1946; 2021 ca. 320,000
  6. Der genaue Ort kann nicht angegeben werden, da in der russischen topographischen Karte 1:50.000 N-36-40-В (C) und -Г (D) und auch in der Baustoffkarte des europäischen Rußland 1:300.000 Blatt W 55 von März 1943 kein Steinbruch zu finden ist.
  7. Начальник
  8. руками