27. Juni 1946

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

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27.6. Wir arbeiten vorwiegend am Brückenbau. Heute haben wir 1/2 Stunde länger gearbeitet, weil wir morgens 10 Minuten später angefangen haben. Wer 3 Tage im Monat nicht arbeitet, bekommt für den ganzen Monat keinen Lohn. Der russische Lagerarzt schreibt 60 % aller Kranken gesund und arbeitsfähig. Darunter sind Leute, die am selben Tag wegen dicker Wasserbeine und offener Wunden krankgeschrieben worden waren. Ein Pole trifft ein. Er ist nach Russland dienstverpflichtet worden und weiß nicht einmal, für wie lange.

Eine Arbeitsgruppe tritt in Hungerstreik. Der Russe droht mit Erschießen. Die russischen Lagerkommandanten fürchten Hungerstreiks, weil solche Vorfälle innerhalb von 3 Tagen nach Moskau gemeldet werden müssen. Das wollen sie auf keinen Fall, denn sie wollen da oben nicht auffallen. Also versuchen Sie, solche Aktionen mit brutalen Mitteln zu unterdrücken. Dagegen hilft nur hart bleiben, wenn man seine Wünsche durchsetzen will. Aber es ist ein großes Risiko, denn der Russe hat keine großen Hemmungen vorm Schießen.

27.6.46. Im Hafen von Riga liegen wieder Schiffe aus Deutschland mit Nähmaschinen, Klavieren und Möbeln. Die Möbel sind teilweise in einem Holzverschlag, der einfach an die Möbel angenagelt ist. Eine Springbrunnenanlage ist auch dabei, aber sie ist unbrauchbar, weil sie beim Herausreißen kaputtgegangen war. Die Sachen stehen im Hafen tagelang im Regen.

Schon bei unserer Ankunft im hiesigen Lager hatte man der Antifa von dem Gesinnungslumpen Mahnkopf berichtet (s. 19.4.46). Daraufhin verzichtete die hiesige Antifa auf die Mitarbeit des Genossen Mahnkopf. Er ist jetzt einem Arbeitskommando zugeteilt und geht mit zum Brückenbau. Diese Brücke über die Düna ist eine Eisenbahnbrücke, eine Eisenkonstruktion, die im Kriege zerstört wurde. Die Pfeiler am Ostufer sind eingestürzt, und die Brücke liegt schräg im Wasser. Wir sollen sie wieder aufrichten. Mit langhebeliegen Öldruckpumpen wird das Brückenende im Handbetrieb millimeterweise hochgepumpt und jeweils durch Unterlegen von Eisenbahnschwellen provisorisch abgestützt. Gleichzeitig werden Reparaturen an der Eisenkonstruktion ausgeführt, hoch über dem Fluss. Dort oben zwischen den eisernen Streben der Brücke arbeitet auch Genosse Mahnkopf, und eines Tages fiel er plötzlich von der Brücke in den Fluss. Aber er kam glimpflich davon, denn das Wasser ist nicht mehr kalt. Vielleicht war der Schrecken ganz heilsam für ihn. Und der Brief, den er von seiner Frau bekam, hat ihn vielleicht auch nachdenklich gemacht. Sie fragte nämlich an, was er sich denn eigentlich für Gemeinheiten seinen Kameraden gegenüber geleistet habe, und wenn er so weitermache, brauche er nicht mehr zu ihr zurückzukommen. Sie hatte von seinen Spitzeldiensten durch einen Hamburger Kameraden erfahren, der aus dem Lager Salaspils als Kranker entlassen worden war. Er hatte sie aufgesucht, und ihr von den Machenschaften ihres sauberen Gemahls berichtet.

Eines Tages erklärte der Russe, die Wintersachen sollten jetzt abgegeben und während des Sommers eingelagert werden. Im Herbst würden sie dann wieder ausgegeben. Die Schweden trennen sich nur ungern von ihren Sachen, denn sie haben wunderbare dicke, weiße Seglerpullover mit bunten Strickmustern. ••• S. 302 •••Aber es wird alles schön verpackt. Jedes Paket wird mit einem Pappschild und dem Namen des Besitzers versehen. Wenige Wochen später werden wir plötzlich in ein anderes Lager verlegt. Die Pullover bleiben, gut eingelagert, im alten Lager zurück. Der schlitzohrige Iwan hatte natürlich von der bevorstehenden Verlegung gewusst und war dann auf die Idee der „Einlagerung“ gekommen.

Die Rote Armee hat vier Verpflegungssätze: Für Mannschaften, Unteroffiziere, Offiziere und Generäle. Laut Genfer Konvention erhalten die Kriegsgefangenen den entsprechenden Verpflegungssatz der rückwärtigen Einheiten des Gewahrsamslandes. Diesmal hält sich der Russe daran und tischt uns eines Abends im Gemeinschaftssaal die uns als Offizieren zustehende bessere Verpflegung auf. Und während wir drinnen essen, führt er draußen im Dunkeln die Mannschaften an den Fenstern vorbei und sagt: „Seht euch an, wie eure Herren Offiziere speisen, während ihr eine einfachere Verpflegung bekommt!“ Eine raffinierte Verbindung von Verpflichtungen mit Klassenkampfpropaganda!

Politischer Schulungsabend. Der Antifa-Fritze[1] erklärt, wie Offiziere stünden dem Volk völlig fern, wir würden ja auch von Ammen statt von der Mutter genährt und anderen solchen Blödsinn. Es ist einfach nicht zu fassen, wie viel erschreckende Dummheit und Unwissenheit in unserem Volk noch blüht. Dieses Antifa-Rindvieh glaubt immer noch, dass wir Offiziere alle aus höheren Adelskreisen stammen. Er fällt aus allen Wolken, als wir ihm erklären, dass die meisten von uns Söhne von Beamten, Angestellten, Handwerkern und sogar Arbeitern sind. Und dieser saudumme Heini war Feldwebel der deutschen Wehrmacht! Mit solchen Leuten konnten wir den Krieg ja auch nicht gewinnen. Jetzt ist Hans Sölheim, im Zivilberuf Angestellter bei der AEG, in seinem Element. Mit zynischem Sarkasmus gießt er Hohn und Spott über diesen Antifa-Blödmann, der uns schulen will. Der ist nie wieder aufgetreten. Und die Landser draußen, die vor den Fenstern die Diskussion verfolgten, hatten ihren Spaß.

Nachdem wir monatelang keinen Fisch bekommen hatten, erhalten wir jetzt täglich 330g. Viele bekommen Durchfall. Ursache ungeklärt.

Transporte und größere Verschiebungen von Kriegsgefangenen.

Seit 5 Monaten keine Rotkreuzkarten bekommen. Viele Gefangene haben bis heute überhaupt noch keine einzige RK-Karte erhalten. 14 Monate nach Kriegsende geben die Sowjets den Kriegsgefangenen keine Gelegenheit, ihre Angehörigen zu benachrichtigen!

Seit die ersten Nachrichten entlassener Kriegsgefangener aus dem Westen eintreffen, werden unsere Antifa-Bonzen stiller und sogar freundlicher. Die Heimat ist nicht so rot, wie sie glaubten.


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  1. Fritze: abfälliger Berliner Ausdruck, heute sagt man „Typ“