6. April 1945

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Epilog Anhang

Inhaltsverzeichnis

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Codenamen der Operationen im Sommer 1942 Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript

English
GEO & MIL INFO
11.: Geburt der Tochter Barbara „Bärbel“
Soldbuch S. 22, 22a: Auszeichnungen
Soldbuch Vordruck II: Liste der anerkannten Nahkampftage[1]

6.4.45. Das Telefon schrillt. Ich nehme den Hörer ab. Am Apparat ist der Bataillons-Adju, Leutnant von Bartenwerffer. Er kündigt mir den Besuch des Bataillonsführers an, der eben das Haus verlassen hat. „Ziehen sie sich den Rock an!“ schließt er das Gespräch. Nach einer Viertelstunde sehe ich Hauptmann Dietsch auf dem Laufsteg näher kommen. Nun tritt der in den Unterstand. Er lächelt so verschmitzt. Was hat er wohl? „Oberleutnant Schrödter, hiermit überreiche ich Ihnen als Anerkennung für tapferes Verhalten vor dem Feind auftragsgemäß die Nahkampfspange in Bronze für 12 anerkannte Nahkämpfe!“ Während er noch spricht, habe ich schon Haltung angenommen und lasse mir nun von ihm die Spange an den Rock heften. Nun prangt sie über der Tasche, auf der sich seit einigen Tagen das EK I befindet. Und unter diesem blinken das silberne Verwundetenabzeichen und das silberne Infanterie-Sturmabzeichen. Und daneben noch zwei Ordensbänder im Knopfloch.

Als ich dann wieder allein bin, ziehe ich mein Soldbuch aus der Tasche, entfaltet die Liste der eingetragenen Nahkampftage und lasse sie noch einmal in meiner Erinnerung vorüberziehen. Es sind 15 bestätigte Nahkämpfe. In Wirklichkeit habe ich schon mehr hinter mir, aber sie sind nicht alle anerkannt. Nicht einmal der Gegenstoß bei Kesteri, für den ich das EK I bekommen habe.

Von der Front hallt Pakfeuer herüber. Ich gehe auf den Laufsteg und sehe, dass der Beschuss einem Unterstand der Nachbarkompanie gilt. Die Einschläge sind schwach zu sehen, weil der Sumpfboden viel verschluckt. Nur dünne Rauchschleier ziehen durch die Luft. Bruch – Volltreffer! Es dauert nicht lange, da habe ich die Meldung: 1 Toter und mehrere Verwundete. Die Besatzung des Unterstandes hatte wieder einmal bis in den hellen Tag hinein geheizt, so dass der dicke Rauch aus dem Ofenrohr stieg und dem Russen verriet, dass der Unterstand besetzt war. Selbstverständlich hat der Iwan dann draufgeknallt. Es war mir schon öfter aufgefallen, dass die Leute in diesem Bunker am helllichten Tag heizen. Nun haben sie die Quittung dafür. Ein Toter, der nicht zu sein brauchte. Was soll man da den Angehörigen mitteilen? Ehrlicherweise müsste die Benachrichtigung lauten: Er ist durch eigene Dummheit, durch Leichtsinn und Ungehorsam gefallen.

Unser Unterstand ist zu eng. Nachdem nun auch noch die Pritsche zusammengebrochen ist, haben wir beschlossen, einen neuen Unterstand zu bauen, in den ich mit dem Kompanietruppführer und einem Melder einziehen will, während die übrigen in dem alten bleiben. Der Waffenunteroffizier hat gleich tatkräftig die Bauleitung übernommen und mit den ersten Arbeiten begonnen. Der neue Bunker ist zehn Meter vom alten entfernt. Die Balkenwände sind schon fast mannshoch.

Laut Befehl des O.K. der Heeresgruppe Kurland müssen alle rückwärtigen Dienste im Offiziersrang acht Tage Frontdienst machen. Ich finde das sehr vernünftig. Unser Oberzahlmeister Schneider möchte in Übereinstimmung mit dem Bataillonsführer seine Frontwoche bei mir ableisten. Sobald der neue Unterstand fertig ist, wird er zu mir übersiedeln.

Heute hat die russische Artillerie eine Salve in das Gehölz meines Gefechts••• S. 270 •••standes gefeuert. Offenbar haben sie unser Hämmern und Sägen gehört. Vielleicht können sie uns sogar sehen. Jedenfalls lag die Salve gut.

Der russische Beschuss wird seit einiger Zeit lebhafter. Neuerdings schießt er Störungsfeuer und Feuerüberfälle auf ganz bestimmte Punkte. Auch die Insel, auf der einer meiner sMG-Halbzüge liegt, erhält jetzt öfter Beschuss. Ich kann jetzt nur noch bei Dunkelheit hinüber. Der Laufsteg zur Insel führt über eine große, freie Wasserfläche. Das Wasser ist hier sehr tief. Ich muss gut aufpassen, wenn ich bei Dunkelheit herüberspaziere. Meist aber reflektiert die Wasserfläche soviel Licht, dass ich den Steg gut erkennen kann. Eben bin ich auf diesem Stützpunkt angelangt, als gerade wieder ein Hagel von Werfergranaten in den Wald prasselt. Nachdem die Lage krepiert ist, springe ich in den Unterstand, um das Ende der Beschießung abzuwarten. Während es draußen kracht und splittert, unterhalte ich mich mit den Soldaten. Vier Mann sind augenblicklich im Unterstand, zwei Mann sind vorn in der Feuerstellung. Nun ist der Feuerschlag vorüber, und ich pirsche mich mit einem Posten über den schlüpfrigen Pfad nach vorn. An den nassesten Stellen liegen Bohlen, über die man balancieren muss. Dann sind wir bei den MG-Nestern. Sie liegen am vorderen Rand eines Gebüschs, sind aber noch durch das Strauchwerk gedeckt. Außerdem ist das Buschwerk durch Balken verstärkt, sodass die Gewehre einen ganz ordentlichen Kugelschutz haben. Vor uns erstreckt sich die freie Wasserfläche bis an den Straßendamm. Es ist alles ruhig. Aber als ich den Rückweg antrete, krachen schon wieder einige Einschläge in das Gehölz. Ich verziehe mich noch einmal in den Unterstand, bis der Russe die Ballerei aufgibt.

Ich sitze abends mit meinem Kompanietrupp im Unterstand zusammen. Wir unterhalten uns über das „Thema 2“ des Landsers: Das Essen. (Thema 1 sind die Frauen.) Einer meiner Melder war vor dem Krieg Angestellter bei Aschinger und erzählt aus seinem Berufsleben. So hören wir kopfschüttelnd, dass z. B. kein Angestellter Esswaren mit herausnehmen durfte, so dass abends nach Geschäftsschluss die übriggebliebenen Bouletten eimerweise in die Mülltonnen wanderten.

Heute morgen gab es eine große Aufregung im Unterstand. Ich hatte vor meiner Morgenwäsche den Trauring abgelegt, was mir Carola streng verboten hatte. Wie ich ihn wieder aufsetzen will, gleitet er mir aus der Hand, rollt auf den Boden und verschwindet zwischen den Bodenbrettern. Die Männer lockern nun eine Bohle und heben sie etwas an. Darunter öffnet sich der Sumpf. Mehrere Augenpaare blicken suchend in diesen Morast, ein Gemisch aus Wasser, Schlamm und verfaulten Zweigen. „Da ist er!“ schreit ein Melder und greift hastig in das Wasser. „Vorsicht, Mensch!“ schreie ich dazwischen. Ich fürchte, dass er durch eine unvorsichtige Bewegung den Ring erst recht ins Gleiten bringt. Jetzt sehe ich ihn auch. Er schwebt gewissermaßen im Morast. Ich weiß nicht, was ihn noch hält, vielleicht ein Zweigstück. Der Melder fährt vorsichtig mit der Hand hinein und erwischt ihn tatsächlich. Das hat noch mal geklappt. Ich will ihn lieber nicht mehr absetzen.

Ich muss meine Kontrollgänge jetzt wieder nachts bzw. bei Dunkelheit unternehmen. Heute ist es bereits stockfinster, als ich auf dem Damm ankomme. Gleich vorn, wo der Laufsteg auf dem trockenen Damm endet, ist der erste Postenstand. Der Posten grüßt verschroben und macht eine unmögliche Meldung. Diesen Mann habe ich schon einmal angeschnauzt, als er auf dem Laufsteg am Kompaniegefechtsstand vorbeikam und mir einen unmöglichen Gruß vormachte. Jetzt fauche ich ihn wieder an und gehe dann weiter. Aber schon nach zehn Metern bleibe ich stehen und horche. Hinter mir flucht jemand laut und unaufhörlich. Ich mache sofort kehrt und gehe zu dem Posten zurück. Da steht der Landser und schimpft ganz fürchterlich. Ich nehme ihn aus dem Postenstand auf die Straße und frage ihn, was eigentlich los sei. Der Landser erwidert: „Herr Oberleutnant, sie haben was gegen mich!“ Und plötzlich bricht er in Tränen aus und ruft: „Ich weiß ja, dass Sie ein guter Kompanieführer sind. Sie schimpfen mit keinem anderen, nur an mir haben sie immer etwas auszusetzen!“ Er ist ganz unglücklich. Ich bin verblüfft. Dann mache ich ihm klar, dass er doch wirklich ein völlig unsoldatisches Benehmen habe, und dass ich immer glaubte, er täte es aus innerem Widerstand, was ich nicht durchgehen lassen kann. Und deshalb habe ich ihn eben mal angeschnauzt. Aber nun sei ja alles gut. Ich beruhige ihn noch ein bisschen und setze dann meinen Weg fort.

Ich bin unzufrieden mit mir. Ich habe diesen einfachen, unbeholfenen Mann, der hier recht und schlecht seine Pflicht tut, völlig falsch behandelt. ••• S. 271 •••Ich werde nie wieder einen Mann wegen so einer blöden Kleinigkeit vergrämen!

Schon zum zweiten Mal meldet mir ein Grabenposten, dass man drüben in den russischen Stellungen Arbeitsgeräusche höre. Auch habe er ganz deutlich deutsche Stimmen gehört. Das muss ich mir mal anhören. Ich gehe nach vorn und stelle mich in einen Postenstand. Es stimmt, drüben wird gehämmert und gesägt. Jetzt ruft jemand. Ich lausche gespannt. Tatsächlich – deutsche Worte, „komm her!“ Oder täusche ich mich? Russisch ist es jedenfalls nicht. Auch der Tonfall und die ganze Artikulation sind deutsch, jedenfalls nicht russisch. Es ist durchaus möglich, dass da drüben deutsche Kriegsgefangene oder Angehörige des kommunistisch beeinflussten „Nationalkomitees freies Deutschland“ arbeiten. Das ist zwar völkerrechtlich verboten, Kriegsgefangene zu solchen Arbeiten einzusetzen, aber der Russe tut vieles, was völkerrechtlich verboten ist.

Mein Spieß hat irgendwelche Unkorrektheiten begangen und ist vom Regimentskommandeur zu acht Tagen Frontdienst verurteilt worden. Ich habe ihn nach vorn in eine Stellung gesteckt, wo ich ihn heute besuche. Er ist gerade dabei, mit den anderen Kameraden den Deckungswall zu verstärken. Sein Schutzbedürfnis scheint gewaltig zu sein, denn er hat den Wall schon weit über Mannshöhe aufgeworfen, sodass man überhaupt nicht mehr hinübergucken kann. Er versperrt die Sicht zum Feind hinüber. Vogel-Strauß-Politik! Er scheint den Grundsatz „Sicht geht vor Deckung“ vergessen zu haben. Außerdem ist er vor den Granatwerfern, die die Russen massenhaft einsetzen, auch hinter dem höchsten Wall nicht sicher. Dabei sind sie alle noch mächtig stolz auf ihre Arbeitsleistung. Ich sage nichts zu ihrem schönen Bauwerk und gehe lächelnd weiter.[2]


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  1. Teilweise stimmen Datum oder Ort der Nahkampftage nicht mit den amtlichen Kriegstagebüchern überein. Die Eintragungen vor 1945 wurden möglicherweise nachträglich vorgenommen. Die Gesamtzahl der Nahkampftage kann aber nicht bezweifelt werden.
  2. Der im Original hier anschließende Abschnitt „Karfreitagsgedenken“ wurde zum zutreffenen Datum 30.3.45 verschoben.