15. Mai 1947

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Epilog Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Codenamen der Operationen im Sommer 1942 Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

English
GEO INFO
Gleis am Waldrand? Karte — map

15.5.47. Es erfolgt ein Abtransport von „Zivilgefangenen“. Das sind die widerrechtlich und grundlos aus Deutschland deportierten Zivilisten. – Ich bin sehr schwach, aber nicht krank. Dass ich so durchhalte, verdanke ich der sorgsame Pflege meiner guten Eltern, meiner (angeborenen und anerzogenen) Anspruchslosigkeit im Essen und einer gesunden, durch viel Sport gekräftigten Konstitution. – Meine Tabakration tausche ich immer gegen Esswaren ein. – Zwischen uns Offizieren und den WK-Leuten treten Spannungen auf. – ... Schweigen ist Gold. Es gibt Spitzel unter uns.[1] Auch unter den Offizieren sind undurchsichtige Typen.

Am westlichen Stadtrand, schon außerhalb der Stadt, stehen auf einem Gleis am Waldrand[2] einige Waggons mit Drahtrollen. Dorthin fahren wir nun alle Tage, um sie zu entladen (für KMTS?). Wir werden immer mit einem „Raupenschlepper-Ost“ (RSO) hierherausgefahren. Das ist nicht sehr gemütlich, denn wir stehen gedrängt auf dem kleinen Fahrzeug, das nur 25 km/h fährt, und es ist morgens noch recht kühl. Unser Mittagessen kochen wir hier draußen selbst. Holz haben wir genug in dem Kiefernhochwald, der neben dem Gleis beginnt. Nur die Produkte sind bescheiden, die uns die Küche abwechselnd mitgibt: Mehl, Hirse, Kartoffeln. Deshalb werden schon vor Beginn der Arbeit gleich 2 Mann losgeschickt, die im Lauf des Vormittags die Dörfer der Umgebung nach zusätzlicher Verpflegung absuchen, während die übrigen Männer die Waggons entladen. Zu Mittag sind die „Essenholer“ zurück. Ein Teil des Mitgebrachten wird zum Andicken der Mittagssuppe verwandt (Kartoffeln), anderes (Brot) wird aufgeteilt. Dieses Verfahren klappt nicht immer, denn es hängt vom Verhalten der russischen Wachposten ab. Sie wechseln oft. Es gibt unter ihnen gehässige oder ängstliche, die uns gar nicht weglassen. Es gibt vorsichtige, die mit den Verpflegungsholern auf die Dörfer mitgehen. Es gibt aber auch solche, die die Arbeitsteilung selbst vornehmen. Vor Beginn der Arbeit teilen sie uns dann ein: „1 – 2 – 3 – 4 – rabotatj! – 1 – 2 – Kartoschki (Kartoffeln holen)!“[3] Die freundlichen Posten laden wir immer zum Essen ein (Soldaten haben ja immer Hunger), die unfreundlichen bekommen nichts.

Einmal war auch wieder ein Posten auf die Dörfer mitgegangen. Bei der Rückkehr erzählen unsere Kameraden: Sie waren in ein Haus gegangen und saßen mit den Bauersleuten am Tisch, um sich etwas aufzuwärmen, denn es war ziemlich kalt. Durch das Fenster sahen sie draußen den Posten frierend auf der Straße stehen. Sie machten den Bauern darauf aufmerksam und wollten den Posten auch herein¬holen. Aber der Bauer lehnte rundweg ab und meinte, der Kerl solle ruhig draußen bleiben. Unsere Posten gehörten nämlich dem NKWD[4] an, den Staatssicherheits-Truppen, und die waren bei der Bevölkerung nicht beliebt.

In den Kronen der hohen Kiefern nistet eine Krähenkolonie. An dem Flattern der Jungen erkannten wir, dass sie bald flügge waren. In diesem Stadium sind sie auch besonders fett. Das wäre mal ein Leckerbissen. Zufällig hatten wir in der Brigade einen Fernmelder. Der fertigte sich aus zwei Eisenstäben ein Paar Steigeisen und erstieg damit eines Tages die Kiefern. Es war ein gefährliches Unternehmen. Der Aufstieg war mühsam, denn der Kiefernstamm war ••• S. 320 •••hoch und glatt, und dem Landser drohten die Kräfte zu versagen. Aber er erreichte die Krone, in der sich drei Nester befanden. Er warf die Jungen heraus, die flatternd zur Erde gesegelt kamen, wo wir sie gleich einfingen. Sie wurden sofort zubereitet und in den Kochkessel geworfen. Diesmal war unsere Mittagssuppe mit zartem Krähenfleisch angereichert, und oben auf schwammen große, goldgelbe Fettaugen. Der erschöpfte Kletterer aber saß schlapp und matt im Gras. Für ihn hat sich das Bravourstück kaum gelohnt.

Unser Kommando wird außer von den Soldaten noch von einem Zivilisten begleitet. Er heißt Michai.


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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Epilog Anhang

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwort-Index Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personen-Index Namen,Anschriften Personal I.R.477 1940–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Orts-Index Vormarsch-Weg Codenamen der Operationen im Sommer 1942 Mil.Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Rotkreuzkarte Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

  1. Das Spitzel-Unwesen wurde von den meisten Kriegsgefangenen wesentlich dramatischer empfunden und geschildert (Cartellieri S. 116 ff.).
  2. Der einzige Bahnhof westlich von Smolensk, aber noch zum Stadtgebiet gehörig, wo Waggons stehen könnten, scheint Krasnij Bor/Красный Бор zu sein. Bor/Бор bedeutet Kiefernwald!
  3. работать, arbeiten; картошки
  4. seit 1946 „MWD“