Westfäische Bräuche im Jahreskreis

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von Ralf Konecki

Hombrucher Sprach- und Heimatfreunde


www.Westmärker.de

Zu Beginn des Plattdeutsch-Unterrichtes der Hombrucher Sprach- und Heimatfreunde (s. Termine) werden die westfälischen Bräuche vorgestellt. Sie werden hier im Überblick zusammengefaßt. Ergänzende Mitteilungen des Lesers werden vom Webmaster gerne entgegen genommen.

„Man muß die Feste feiern wie sie fallen.“

„Je größer das Fest, je schlimmer der Teufel.“[1]

Von den beiden sich ergänzenden Lebensweisheiten, die in der Sprichwörtersammlung von 1846 über das Gelingen eines Festes Auskunft geben, ist uns nur noch der Spruch „Man muß die Feste feiern wie sie fallen“ geläufig. Die zweite Weisheit „Je größer das Fest, je schlimmer der Teufel“ ist heute verloren gegangen, was uns durch die vielen Ausschreitungen bei großen Veranstaltungen vor Augen geführt wird. Auch in „friedlich“ verlaufenden Massenveranstaltungen, bei denen nicht selten das Teufelszeichen in die Höhe gereckt wird, „steckt der Teufel“, deswegen, weil nach den aufgepauschten Ereignissen und Erwartungen oft ein „böses Erwachen“ oder zumindest ein „großes Unwohlsein“ folgt: denn „Je größer das Fest, je schlimmer der Teufel.“ Daraus ergibt sich: Ein Fest muß immer zur rechten Zeit gefeiert werden und darf nicht zu groß ausfallen. Über den richtigen Zeitpunkt geben uns die Feste selber Auskunft: „feiern wie sie fallen“. Nicht der Mensch, sondern das im Jahreskreis eingebundene Fest selbst ist es, das den richtigen Zeitpunkt für die Feierlichkeiten angibt. So kann ein Weihnachtsfest nicht im Sommer, und ein Erntedankfest nicht zu Ostern gefeiert werden. Die Abkoppelung der Menschen vom Segensquell der ursprünglichen Feste im Jahreskreis ist die Ursache für die Unzufriedenheit. Dsher beginnt das Sprichwort nicht mit „Man soll“, sondern mit „Man muß die Feste feiern wie sie fallen.“

SOMMER

Johannistag (24. Juni)

Das Johannisfeuer, das sonst in fast ganz Deutschland entzündet wurde, war im märkischen Sauerland nicht (mehr) üblich. Vielleicht auch wegen der Feuersgefahr durch die Sommerhitze. Heinrich Schauerte berichtet von einem Johannisbrauch aus Medebach: „Kinder pflücken die Blütenköpfe der Marguerite, hier Johannisblume genannt, und reihen die Blütenrädchen auf lange Zwirnsfäden. Diese „Johanneskränze“ werden über dem Hauseingang aufgehängt ... Dieser Brauch, der fast ganz abgekomnmen war, ist in den letzten Jahren wieder aufgelebt.“[2] Diese Art der Wertschätzung des längsten Tages mit dem „Johanniskranz“ brächte auch allen Kindern in Kindergärten und Grundschulen des Stadtbezirks Hombruch ebenfalls viel Freude. Das Pflücken und Flechten des Blumenkranzes zur rechten Zeit am Johannistag erinnert an den Sommeranfang und verknüpft die Kinderseele mit der blühenden Blumenwelt des Sommers.

Brauchtumstipp Nr. 1 für Mütter und Erzieher für den 24. Juni (Johannistag)

  1. Gemeinsames Suchen von Margeriten am Johannistag
  2. Blütenköpfe zu Kränze flechten
  3. Blütenkranz als Kopfschmuck tragen
  4. Abends wird der Blütenkranz über dem Bett oder dem Hauseingang befestigt

Merkmale der Margeriten (Leucanthemum vulgare):

Ausdauernde Pflanze, weiße Zungenblüten und gelbe Röhrenblüten zu einzelnen Körbchen, langgestielt, Stängelblätter lanzettlich, Grundblätter gestielt, am Rand gekerbt, Höhe 30-60 cm. Blütezeit: Mai bis Oktober. Standort: Wiesen, lichte Wälder[3]

„Woche des Lächelns“ (erste Augustwoche)

„Wer lacht, thut keine Sünde.“

„Am Lachen und Flennen ist der Narr zu erkennen.“[4]

Die „Woche des Lächelns“ wird in den Vereinigten Staaten von Amerika als „National Smile Week“ (Nationale Lachwoche) gefeiert. „Kinder malen mit Kreide Grinsegesichter auf Mauern und Straßenpflaster, Mütter backen runde Kekse, die die Kinder mit buntem Zuckerguß in Grinsegesichter verwandeln ...“[5] Hier liegt kein westfälischer Brauch vor. Das Lachen, die Freude und der Wettkampf ist in den jahreszeitlich gebundenen Festen immer mit enthalten. Die „Woche des Lächelns“, der „Tag des Kindes“ oder der „Tag des Gedenkens“ ist immer ein Ersatz für verloren gegangene Jahreskreisfeste. Oft werden Feste wie Ostern, 1. Mai oder Weihnachten für andere Absichten benutzt. Dennoch kann es sinnvoll sein, wenn eine Schule die erste Augustwoche zur „Woche des Lächelns“ erklärte. Doch für die Einführung einer „Lachwoche“ hätte der westfälische Bauer wohl nur ein „mildes Lächeln“ übrig. Besser wäre es schon, am 24. Juni wieder den „Tag der Johannisblume“ einzuführen (s. Brauchtumstipp Nr. 1) oder Anfang August eine „Woche der Kräuter“ auszurufen. Kinder, Eltern, Lehrer und Kräuterfrauen, die es heute noch gibt, hätten die Möglichkeit, die letzten Sommerkräuter zu sammeln.[6] Durch das Binden der Krautbundpflanzen wird das Schätzenlernen der Kräuter gefördert, die später bei der „Krautweihe“ am 15. August für den Haushalt verwendet werden oder in der Kirche auf den Altar dargebracht werden können.

Krautweihe (15. August)

„Dagegen ist kein Kraut gewachsen.“

„Nimm das Kräutlein, so du kennest.“[7]

Das 1846 aufgeschriebene, aber wohl sehr viel ältere Sprüchlein: „Nimm das Kräutlein, so du kennest.“ ist heute wichtiger denn je. Denn in den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Kräuter, Pflanzen, Tiere und Menschen aus dem Südosten und aus Übersee nach Westfalen eingewandert. Der Riesen-Bärenklau, auch Bärenkralle und Herkuleskraut genannt (Heracleum giganteum) ist ein aus dem Westkaukasus stammender Doldenblütler, der erst im 19. Jahrhundert nach Europa kam. Er verursacht bei Berühung mit der Haut schlimme Quaddeln und Blasen. Wer ihn kennt, kann beim Kräutersuchen schmerzhafte Hautschäden vermeiden. Vermutlich mit dem Warenverkehr kam der Buchsbaumzünsler (Cydalina perspectalis) von China über das Rheinland nach Westfalen. Die Raupe des Kleinschmetterlings wird bis zu 5 cm groß und ist von grüner Farbe mit schwarzen Streifen. Er hat nahezu alle Buchsbaumbestände in Westfalen zerstört und dadurch auch einen seit vielen Jahrhunderte liebgewonnenen westfälischen Brauch unmöglich gemacht: Bis auf den heutigen Tag, zum letzten Mal wohl in diesem Jahr 2018, spielt der Buchsbaum bei der Palmweihe am Palmsonntag eine wichtige Rolle. Beschützt galt der Garten, der mit einer Buchsbaumhecke umhegt wurde.

Zur Kräuterweihe im Sauerland schreibt Heinrich Schauerte: „Es ist ein stimmungsvoller Anblick, wenn in jedem Jahre wieder zarte Kinderarme das weitästige, duftige, schon gezierte Krautbund zur Kirche tragen.“[8] Der Brauch der Kräuterweihe wird in Dortmund nur noch in einigen katholischen Gemeinden gepflegt.

(Fortsetzung folgt)

Fußnoten

  1. Anonym: Die Deutschen Sprichwörter, Frankfurt am Main 1846, Nr. 2396 u. 2395, S. 110.
  2. Heinrich Schauerte: Brauchtum des Sauerlandes, Meschede 1937, S. 87-88.
  3. aus: Kompas Naturführer, Wiesenblumen, S.13
  4. s. Anm. (1) Nr. 6127a u. Nr. 6125, S. 283.
  5. Sybil Gräfin Schönfeld: Das große Ravensburger Buch der Feste und Bräuche – Durch das Jahr und den Lebenslauf, Ravensburg 1980, S. 207-08.
  6. Die in Barop wohnende Andrea Hirsch ist Kräuterfrau und führt Grundschulklassen in die Bolmke.
  7. s. Anm. (1) Nr. 2396 u. 2395, S. 110.
  8. s. Anm. (2), S. 94.