26. Januar 1941

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwortverzeichnis Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personenverzeichnis Namen und Anschriften Personal i.IR 477 40–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Ortsverzeichnis Vormarsch-Weg Militärische Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

Der Mensch, dieses angeblich vernunftbegabte Geschöpf, steckt voller Vorurteile. Ich kam in dem Be¬wusstsein nach Galizien, in den dreckigsten Winkel Polens verschlagen zu sein. Zweifellos gibt es schönere und sauberere Städte und Gegenden, aber auch hässlichere. Ich rede nicht der blöden Theorie von der Gleichheit aller Menschen das Wort, denn sie ist grundfalsch. Trotz mancher Ähnlichkeiten im Stadtbild und im kulturellen Verhalten zeigen sich andererseits grundlegende Unterschiede und typische Besonderheiten. Die Menschen hier sind nicht besser und nicht schlechter, nicht schöner und nicht hässlicher als anderswo. Aber sie sind anders als wir. Und dieses herrliche Karpatenland ist ein Schmuckstück, dessen Kurorte es wie Kleinodien verzieren. Meine anfängliche Abneigung ist über¬wunden. Ich bin nicht ungern hier, und so freudig ich auch in den Heimaturlaub fahre, so gern kehre ich wieder hierher zurück. Arme, gute Mutter, Du hast es gespürt, mit welch leichtem Herzen Dein Sohn wieder abfuhr. Aber war es nach Galizien? Oder in das Haus Piotra Skargi 13?

Wenige Tage nach meiner Rückkehr stehe ich auf der Straße vor unserem Pferdestall, als die junge Frau Pollak vorbeikommt. Ich spreche sie wegen der vereinbarten Unterrichtsstunden an. Ihr Gesicht ist abweisend, und ich spüre, dass ihr diese Unterhaltung auf der Straße unangenehm ist. Wir verab¬re¬den eine Stunde am selben Abend. In der Annahme, sie käme auf mein Zimmer, warte ich lange ver¬geblich. Dann entschließe ich mich, hinunter zu gehen. Mit einem blauen Oktavheft und zwei Liliput-Lexiken bewaffnet, trete ich in ihr Zimmer. Aus dieser ersten Unterrichtsstunde wurde in der Folgezeit ein fast regelmäßiger Besuch. Ich musste jeden Abend herunterkommen und wurde vorwurfsvoll nach dem Grund meines Ausbleibens gefragt, wenn ich einmal dienstlich verhindert war. Die Familie lud mich trotz meines Sträubens zu einem Familienfest ein, bei dem ich dann als deutscher Soldat unter den polnischen Gästen saß. Ich tat es ungern, aber ich muss sagen, dass wir – die Polen und ich – uns recht gut in die Situation geschickt haben.

Unbegreifliches Menschenherz! Diese Polinnen hassten mich mit dem unvorstellbaren, abgrundtiefen Hass der Slawen gegen alles Deutsche. Und jetzt erkenne ich aus allem, was sie tun und sagen, eine tiefe, wenn auch verhaltene Zuneigung. Einmal fing ich beim Unterricht einen so zärtlichen Blick von Sofia auf, wie mich selten eine Frau angeblickt hat. Ein andermal erzählte sie mir, dass sie sich öfter dabei ertappt habe, wie sie gedankenlos immer wieder „goronca woda“[1] auf Papier geschrieben habe, weil es sie so gerührt habe, dass ich polnisch gesprochen und es so drollig ausgesprochen habe.

Ihre Schwester Marja sprach kaum Deutsch, und deshalb wechselten wir nur sehr selten mal ein paar Worte. Auch hat sie uns den Tod ihres Verlobten nie verziehen. Eines Abends holte sie Kartoffeln, die auf dem Boden neben meinem Zimmer lagerten. Ich hörte sie im Dunkeln rumoren. Deshalb legte ich ihr, als sie gerade einen vollen Eimer hinunter trug, eine brennende Taschenlampe hin. Da lief sie zor¬nig zu ihrer Schwester (von der weiß ich es), stampfte mit dem Fuß auf und erklärte verbissen, sie wol¬le die Lampe von mir nicht nehmen. Sie nahm sie dann doch und brachte sie mir mit einem kalten „Danke“ ins Zimmer zurück. Als ich später einmal grippekrank im Bett lag, brachte mir diese streit¬bare Amazone unaufgefordert eine Tasse Tee mit Himbeeren ans Bett. Dieses stolze und schöne Mäd¬chen, dem die Deutschen den Bruder und den Geliebten getötet haben, erweist dem gehassten Feind ihres Volkes diese Geste der Nächstenliebe!

Das erste Ei, das die neu angeschafften Hühner legen, bekomme ich! Den bisher verheimlichten Ra¬dioapparat soll ich für mein Zimmer erhalten. Eines Tages verrät mir Zofia mit verschmitztem Lä¬cheln, dass der seinerzeit geflüchtete Pole sich in Lemberg befindet.[2] Fast täglich erhalte ich neue Be¬weise ihres Vertrauens oder ihrer Zuneigung. Nur zuweilen flackert der Hass in ihr wieder auf. Er schießt wie eine Stichflamme hoch, abgründig und erschreckend, wenn das Gespräch die deutsch-polnischen Verhältnisse streift oder wenn sie in mir plötzlich den Preußen erkennt. Oder er bäumt sich hilflos auf, wenn sie dies bei der Berührung meiner Uniform bemerkt. Als sie wieder einmal ihrem Zorn gegen die deutsche Besatzung Luft macht, gebe ich ihr zu bedenken, dass, wenn die Deutschen abzögen, die Russen hereinkämen. Sie wusste, dass die Russen weit schlimmer sind als wir. Russen und Deutsche sind in Polen gleichermaßen verhasst. Dennoch antwortet sie mir: „Ist uns ganz egal, erst mal die Deutschen raus!“

Die Polen haben einen fanatischen Nationalstolz. Es ist purer Chauvinismus. Sofia spricht von den oft blutigen Volkstumskämpfen zwischen Polen und Ukrainern im Lemberger Raum. Es wohnen nämlich viele Ukrainer dort. Von einer ihrer Freundinnen sagt sie: „Ja, sie ist meine Freundin, aber leider ist sie Ukrainerin“. Mit wie viel Liebe erklärt sie mir die Wesensunterschiede zwischen den arbeitsamen, nüchternen, verbissenen Warschauern und den liebenswürdigen, heiteren Lembergern. Ich muss dabei an sehr ähnliche Charakterzüge zwischen den Berlinern und den Wienern denken.

Ein andermal erzählt sie mir ziemlich verbittert von einem Erlebnis in der Eisenbahn. Ein paar deut¬sche Soldaten wollten mit einem polnischen Mädchen anbandeln. Als dies ihnen die kalte Schulter zei¬gte, fingen die Landser an, sich in abfälligen Bemerkungen über die Polen zu ergehen. Sofia verstand genug davon, um sich zutiefst beleidigt zu fühlen. Selbst wenn man solche Vorkommnisse nicht dra¬matisiert, bleiben sie doch taktlos und unklug. Ein Beweis mehr für die These, dass wir uns nur allzu oft wie der Elefant im Porzellanladen benehmen, nicht nur auf dieser untersten, sondern auch auf höchster politischer und diplomatischer Ebene. Wir Deutsche sind keine Diplomaten.

Zu meiner Bemerkung über die 1200 in Posen ermordeten Deutschen[3] sagt Sofia, das glaube sie nicht. So etwas täten die Polen nicht. Sie ist zu sehr Frau und Polin, um objektiv zu sein. In diesem Punkt sind wir Deutschen mit unserer Objektivität wohl ehrlicher, auch gegen uns selbst, wobei wir dann im Zusammenhang mit unserer Neigung, ins Extrem zu fallen, sogar unser eigenes Nest beschmutzen. Das täte ein Pole nie, auch kein anderer Europäer. Die Österreicher haben noch Sympathien bei Sofia, die Reichsdeutschen nicht und die Preußen schon gar nicht.

Eines Morgens komme ich in die Schreibstube, als der Spieß bei meinem Anblick ausruft: „Men-schenskind, jetzt hätte ich es beinahe vergessen: Du sollst als Transportführer einen MUZ (Militär-Urlauber-Zug) nach Berlin fahren! Der Zug fährt um 11 Uhr ab Reichshof (Rzeszow). Du musst um 10 Uhr vom hiesigen Bahnhof abfahren.“ Ich sehe auf meine Uhr. Es ist 9 Uhr. Jetzt geht alles wie der Blitz. Zurück ins Quartier, umziehen, Koffer packen. Vorher schon hatte ich im Vorbeirennen dem Futtermeister befohlen, einen Schlitten anzuspannen, und Unteroffizier Mielenz mit dem Auftrag zum Markt gehetzt, eine Gans zu kaufen und sie gleich zum Bahnhof zu bringen. Als ich im Laufschritt zum Stall zurückkomme, sitzt Jupp Zimmermann schon im Schlitten, die Leine fahrbereit in Händen. Während ich einsteige, ziehen die Pferde schon an, und der leichte Schlitten fliegt durch die Straßen der Stadt. Wie wir am Bahnhof vorfahren, steht dort bereits Unteroffizier Mielenz mit dem Fahrrad, unter dem Arm die eben erst geschlachtete, noch warm verpackte Gans. Das hat jedenfalls geklappt wie am Schnürchen. Ich verabschiede mich mit Dank und Anerkennung und verschwinde im Bahn-hofsgebäude.

In Reichshof (dem eingedeutschten Rzeszow) melde ich mich beim Bahnhofsoffizier, einem älteren, freundlichen Hauptmann, der mir die nötigen Anweisungen gibt. Ich habe nur die Fahr- und Urlaub¬scheine zu kontrollieren und die Zahl der Urlauber im Zug festzustellen. Dafür stehen mir noch zwei Soldaten als Helfer zur Verfügung. Als Dienstabteil ist uns ein Abteil in der Polsterklasse eingeräumt. Der Transport verläuft ohne Zwischenfälle. Der Militärurlauberzug kommt Freitag abends in Berlin an. Am Sonntagabend muss ich denselben Zug zurückfahren. Das bedeutet also zwei Urlaubstage bei den Eltern, einen kurzen Besuch bei Lotte, und dann ging es schon wieder zurück nach Jasło.

Die Gans hatte die Reise mit Mühe und Not überstanden. Das frisch geschlachtete, noch warme Tier hatte während der ganzen Reise im Gepäcknetz des geheizten Abteils gelegen. Als meine Mutter es ausnahm – die Eingeweide waren ja noch drin – hatte es schon etwas „haut goût“. Ich hätte die Gans während der Fahrt aus dem Fenster hängen können, wie das üblich war, aber da wurde sie oft geklaut.

Der Dienst geht wieder seinen üblichen Gang. Oft üben wir bei starker Kälte auf den Hügeln am Stadt¬rand von Jasło. Dann sehe ich von den Höhen auf mein Quartier hinunter und freue mich schon auf mein warmes Zimmer und die Unterrichtsstunde mit Sofia.

Im Turnus von sechs Wochen habe ich die Aufgaben des Offiziers vom Dienst wahrzunehmen. Ich muss dann im Laufe der Nacht alle Wachen und Posten kontrollieren, die im Ortsbereich bei wichtigen militärischen Gebäuden stehen. In Stahlhelm und Mantel mit umgeschnallter Pistole mache ich dann meine nächtliche Runde, gehe über den einsamen Marktplatz, der vom bleichen Mondlicht erhellt ist, durch die stillen, menschenleeren Straßen, und nur die Mauern der Häuser werfen den Widerhall mei¬ner Schritte zurück.


  1. gorąca woda, heißes Wasser
  2. Sollte es sich um Adolphs Bruder Gustav Kaczkowski handeln, der zu Beginn des Krieges nach Lemberg geflohen war? Die ins Gefängnis geworfene Frau Kaczkowski wäre dann seine Schwägerin und Sofia und Marja seine Nichten gewesen.
  3. am 3. September 1939, dem sog. Bromberger Blutsonntag

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