5. August 1941

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwortverzeichnis Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personenverzeichnis Namen und Anschriften Personal i.IR 477 40–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Ortsverzeichnis Vormarsch-Weg Militärische Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

Lage des I.R. 477 am 05.08.1941[1]

5.8.41. Im Morgengrauen des 5. August verlässt das Bataillon das Dorf, entfaltet sich allmählich und geht in Bereitstellung. Hauptmann Goßmann erscheint. Er führt jetzt das Bataillon. Unsere Kompanie liegt in einer grasbewachsenen Mulde[2]. Der Befehl zum Eingraben geht von Mund zu Mund. Bevor wir aber unsere Schützenmulde fertig haben, heißt es „Bataillon marsch!“ 1030 Uhr.[3] Der Angriff beginnt. Im Schutz der Mulde erreichen wir die Höhe und damit die Gärten und Felder des dort oben liegenden Dorfes[4]. Unteroffizier Mielenz, der in meiner Nähe ist, nimmt seine Maschinenpistole von der Schulter und hält sie schussbereit in der Hand. Vor uns liegt ein Kornfeld, und unter den Wellen der leise schwankenden Halme lauert tödliche Gefahr durch versteckte Schützen. In breiter Front durchkämmen wir das hüfthohe Getreidefeld. Die ersten Schüsse fallen. Mein Zug streift am Rand des Dorfes vorbei. Auf dem Feldweg hinter dem letzten Haus, neben einem Gebüsch, liegt ein gefallener Rotarmist. Ich bleibe einen Augenblick stehen. Der erste tote Gegner!

Von der Höhe[5] blicken wir wieder in eine flache Mulde hinab. Dreihundert Meter vor uns huschen einige erdbraune Gestalten zwischen Kornfeld und einem Rübenacker davon. Ich rufe nach einem MG, aber Mielenz meint, die paar Leute seien kein lohnendes Ziel für ein sMG. Einige Schüsse peitschen zu den Iwans hinüber. Sie ducken sich noch tiefer und verschwinden in einem Sonnenblumenfeld. Das Feuer verstärkt sich. Die vorgeschobenen sowjetischen Sicherungsgruppen ziehen sich kämpfend zurück. Nicht allen gelingt es. Manchen fliehenden Rotarmisten streckt eine Kugel unserer vorgehenden Infanterie nieder. Geradezu unheimlich ist dieser Angriff. Fast lautlos bewegen sich die aufgelockerten Wellen unserer Infanterie vorwärts. Ohne Hurra, ohne Geschrei. Nur ab und zu ein Kommando, ein Verständigungsruf. Einzelne Schüsse fallen. Unsere Soldaten gehen vorwärts wie Jäger bei einer Treibjagd, Schritt für Schritt, das Gewehr im Anschlag, aufmerksam, aufrecht, unaufhaltsam.

Hinter mir kracht eine Handgranate, und ich drehe mich blitzschnell um. Ich sehe den Körper eines Russen einen halben Meter über den Erdboden hochfliegen und zurückfallen. Er war verwundet gewesen und konnte sich nicht mehr vor uns in Sicherheit bringen. Da hat er sich bei unserem Herannahen eine Handgranate unter den Körper gelegt und abgezogen.

Beim Weitergehen taucht dreißig Meter vor mir ein Iwan aus dem Gras auf. Er stützt sich auf den Ellbogen und hebt einen Arm. Neben ihm liegt ein zweiter. Ich fordere sie energisch auf, beide Hände zu heben, denn bei der hinterhältigen Kampfesweise der Roten ist man vor heimtückischen Überraschungen nicht sicher. Die zwei Bolschewiken verändern aber ihre Haltung nicht. Zwei deutsche Soldaten nähern sich ebenfalls den beiden. Wir gehen von zwei Seiten an sie heran. Sie sind wirklich verwundet, und wir überlassen sie unseren Sanitätern.

Das Abwehrfeuer der Sowjets verstärkt sich. Wir sind auf ihre Hauptverteidigungslinie gestoßen. Jetzt gehen wir sprungweise vor, kriechen in Gräben vorwärts oder robben durch das hohe Gras. Ich komme an einem unseren Unteroffiziere vorbei. Er liegt tot in einem Graben. Wir schieben uns noch ein Stück an die Sowjets heran, aber dann liegen wir fest. Die Russen wehren sich mit dem Mut der Verzweiflung. Ihre schweren Waffen sind vernichtet oder haben ihre Munition verschossen. Sie verteidigen sich nur noch mit ihren Gewehren, und sie schießen verdammt gut! Da sie ausgezeichnet getarnt sind, ist nichts von ihnen zu sehen. Da wir zu unserem Pech noch gegen die Sonne angreifen müssen, sind wir geblendet. So kam es, dass wir stellenweise fast aufgelaufen sind und dicht vor ihren Stellungen liegen. Nun bekommen wir aus kürzester Entfernung Feuer und können selbst nichts sehen. Ich liege im hohen Gras und suche vergeblich das Vorfeld ab. Diese erdbraunen Uniformen der Rotarmisten sind eine hervorragende Schutzfarbe in dem braunen Gras. Ich hoffe, dass sich einer mal durch eine Bewegung oder das Heben des Gewehrlaufes verrät – nichts! Außerdem will ich zu meinen MGs. Sie sind bei dem ungestümen Vorgehen in die vorderste Linie geraten und liegen da nun fest. Sie dürfen sich nicht mucksen, denn mit dem schweren Gerät sind sie ein lohnendes und leichtes Ziel.

Wenige Meter rechts hinter mir richtet sich plötzlich einer meiner Männer auf und setzt sich auf den Rand seiner Schützenmulde (wer konnte, hatte sich natürlich in die Erde gebuddelt). Ich fauche ihn an wegen dieser Unvorsichtigkeit. Aber da sehe ich schon, dass ihm das rote Blut von der Schläfe rinnt. Kopfschuss. Als der Schock vorüber ist, fängt er leise an zu jammern. Ich schicke ihn nach hinten, und er kriecht zurück.

Kaum ist er fort, da zerreißt ein heller, durchdringender Schmerzensschrei die flimmernd-heiße Sommerluft. Das war links von mir, etwa zehn Meter entfernt. Bevor ich aber etwas unternehmen kann, stöhnt es hinter mir laut auf. Wieder einer getroffen! Die schießen uns einzeln ab wie die Hasen. Aber ich muss nun zu meinen MGs. Die müssen schräg rechts vor mir liegen. Da hat vorhin noch eins geschossen. Ich rufe ein paarmal laut. Das ist natürlich Wahnsinn in dieser Situation. Ich bekomme auch keine Antwort, sonst würden sie sich verraten und bekämen Zunder. Da sehe ich eine Bewegung vor mir im Gras. Ein Stahlhelm taucht auf. Aber es ist ein Mann von der Nachbarkompanie. Er ist verwundet und kriecht zurück.

Wenn es doch endlich dunkel würde! Ich bin scheinbar der einzige Unverwundete im ganzen Umkreis. Sonderbar: Die Schmerzensschreie der getroffenen Kameraden bewegen mich, aber dass ich selbst auch getroffen werden könnte, kommt mir kaum in den Sinn. Ich spüre keine Angst.

Der Tod geht um. So nahe wie heute zischte seine furchtbare Sense noch nie an mir vorüber. Aber noch nie im Leben habe ich auch die Nähe Gottes so intensiv – wenn auch nur im Unterbewusstsein – gespürt wie in diesen Stunden höchster Not. Ich glaube, dass dieses grenzenlose Vertrauen, dieses Bewusstsein der Geborgenheit bei Gott mir die Furchtlosigkeit vor dem Tod gibt. Sicher aber liegt es auch daran, dass sich meine Gedanken auf den Kampfauftrag konzentrieren müssen und für andere Dinge kein Raum ist. Ebenso kann es an meinem Naturell liegen. Mir hat mal jemand gesagt, ich sei „von langsam erregbarem Gemüt“, mich erschüttert so schnell nichts. Wie dem auch sei, man kann nicht alles erklären. Es gibt Dinge, die sind eben unerklärlich. Aber ein Gedanke kristallisiert sich doch in meinem Gehirn, während ich hier herumkrieche: Sollte ich aus dieser Schlacht heil herauskommen, dann hat mir der Herrgott zum zweiten Mal das Leben geschenkt. Und zum Dank will ich mich mehr als bisher nach Seinen Geboten richten.

Ich krieche hin und her, um Verbindung aufzunehmen und Übersicht über die Lage zu gewinnen. Da liegt ja noch einer! Aber so liegt kein Mensch mit wachen Sinnen. Seiner Haltung nach muss er bewusstlos sein. Ich krieche hin und bin verdutzt über so viel Nerven und empört über so wenig Kampfgeist: Der Kerl pennt! Der ist mitten im Gefecht seelenruhig eingeschlafen. Er ist übermüdet.

Ein Befehl wird durchgegeben: Bei einbrechender Dunkelheit vorsichtig absetzen. Das ist kein guter Befehl. Er kam zu früh. Die Sonne war endlich untergegangen, aber es war noch hell. Dennoch können die Landser die Zeit nicht abwarten und beginnen zurückzukriechen. Einigen geht es zu langsam. Sie stehen auf und springen in kurzen Sätzen zurück, sich zwischendurch immer wieder hinwerfend, denn sie werden beschossen. Das Feld wird lebendig, und ich sehe mit Staunen, wie viele noch am Leben sind. Nun will niemand mehr der Letzte sein, und bald ist die Rückwärtsbewegung in vollem Gange. Als die Russen unser Zurückweichen erkennen, schwillt ihr Gewehrfeuer an und beschleunigt unsere Absetzbewegung.

Ein Soldat, der verwundet im Gras lag, war beim Zurückgehen übersehen worden. Er wird zum zweiten Mal von einer Kugel getroffen und stößt einen gellenden, verzweifelten Schmerzensschrei aus. Aber wir waren schon etwa hundert Meter zurückgegangen. Zwei Männer der Schützenkompanie erkennen an der Stimme ihren Gruppenkameraden. Sie erbieten sich, ihn zurückzuholen, wenn wir ihnen Feuerschutz geben. Daraufhin lasse ich meine MGs in Stellung gehen, und unter ihrem rasselnden Kugelregen, der die Sowjets in Deckung zwingt, laufen die beiden noch einmal hundert Meter dem Feind entgegen, packen ihren Kameraden und schleppen ihn zurück.

Das ist vorbildliche Kameradschaft. Nach diesem mörderischen, missglückten, demoralisierenden Angriff war jeder froh, unversehrt herausgekommen zu sein. Da bieten sich zwei Männer an, noch einmal unter Lebensgefahr in das sowjetische Feuer zu laufen, um einen verwundeten Kameraden zu retten. Sie setzen ihr eigenes Leben aufs Spiel, um das ihres Kameraden zu retten. Das ist wahres soldatisches Heldentum und echte christliche Nächstenliebe. Unser Angriff ist abgeschlagen. Wir ziehen uns mit Verlusten zurück, die bisher die schwersten dieses Feldzuges waren. Unsere Kompanie hat 7 Tote und 24 Verwundete verloren. Das sind fast 20%. Und das hat der Russe ausschließlich mit gutgezieltem Gewehrfeuer erreicht. Allerdings hatten wir auch ohne jegliche Artillerieunterstützung angegriffen. Der Russe ist ein harter Kämpfer. Hier kommt noch hinzu, dass er eingekesselt ist und wie ein wildes Tier mit dem Mut der Verzweiflung um Leben und Freiheit kämpft. Es gab viele – wir haben es öfter erlebt – die lieber Selbstmord begingen als sich zu ergeben. Sicherlich ist dieses Verhalten auch durch die Propaganda der Politruks beeinflusst, die ihnen die deutsche Gefangenschaft als Hölle hinstellten und alle möglichen Repressalien androhten. Aber es ist auch der harte, sture, todesmutige Widerstandswille des heimatliebenden Russen.

Die Schuld an unseren Verlusten liegt aber auch an dem unsinnigen Einsatz unserer schweren MG-Züge in vorderster Linie. Der ungestüme, unbekümmerte, geradezu unvorsichtige Vorwärtsdrang hat unsere MG-Gruppen bis in die vordersten Linien getrieben. Da lagen sie nun vorn und boten dem Feind mit ihrem schweren Gerät ein herrliches Ziel. Wären sie, wie das auch grundsätzlich sein soll, in der zweiten Linie geblieben, dann hätten sie mit ihrer gewaltigen Feuerkraft die vorgehende Infanterie wirksam unterstützen können, sozusagen als Ersatz für die fehlende Artillerie.

Gefangene, die wir später machten, haben ausgesagt, dass sie nach unserem Angriff abends am Ende ihrer Kräfte waren und schon bereit gewesen seien, sich zu ergeben. Als sie aber sahen, dass wir uns zurückzogen, hätten sie neuen Mut gefasst und beschlossen, weiterzukämpfen. Daraufhin bekam unser Bataillonsführer eine dicke Zigarre von oben wegen seines – noch dazu ungeschickten – Rückzugbefehls.

Wir ziehen uns auf den Rand eines Buschwaldes zurück, wo wir zunächst sammeln. Wir bemerken, dass die Russen nachrücken. Sie nutzen die Chance, den Einkesselungsring zu erweitern oder vielleicht auszubrechen. Inzwischen ist es dunkel geworden. Vereinzelt kommen noch Soldaten zurück. Einer unserer Unteroffiziere hatte sich beim Einbruch der Dunkelheit nicht gleich zurechtgefunden. Er war auf eine marschierende Kolonne gestoßen und hatte den letzten Mann angesprochen, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten. Als er genauer hinsah, erkannte er, dass es Russen waren. Da schlug er sich schleunigst seitwärts in die Dunkelheit.

Die Nacht ist kühl. Ich habe mich fröstelnd in meine Zeltbahn gewickelt und liege zwischen den Kameraden in einem Graben am Waldrand. Einmal jagt uns ein Alarm hoch. Die Russen kommen! Wir rappeln uns auf. Waffen und Geräte klappern. Gespannt lauschen wir in die Dunkelheit. Aber es bleibt alles ruhig, und wir legen uns wieder um. Aber schlafen kann ich nicht, es ist zu kalt.


  1. KTB 257. I.D., NARA T-315 Roll 1803 Frame 000518
  2. in Höhe von Dmitrijewskije (KTB 257. I.D. Frame 000556)
  3. KTB 257. I.D. Frame 000558
  4. Rassochowatjez (KTB 257. I.D. Frame 000558)
  5. bei Höhenpunkt 196, der zunächst als Ziel befohlen war (KTB 257. I.D. Frame 000556/58)

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