8. Mai 1945

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Editorial 1938 1939 1940 1941 1942 1943 1944 1945 1946 1947 1948 1949 Gefangenschaft Anhang

Chronik 40–45

Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwortverzeichnis Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

Chronik 45–49

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personenverzeichnis Namen und Anschriften Personal i.IR 477 40–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Ortsverzeichnis Vormarsch-Weg Militärische Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen

Kapitulation

Kurfürstendamm und Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (um 1935)
Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche und Tauentzienstraße (um 1938)

8.5.45. Für heute hat sich ein Frontkino angesagt. Hinten beim Bataillon wird in einer Scheune eines Bauernhofes der Film „Der Tag nach der Scheidung“ vorgeführt. Jede Kompanie soll einen Zug nach hinten schicken. Auch ich gehe mit. Es ist 11 Uhr vormittags. Der Film läuft. Auf der Leinwand erscheint der Kurfürstendamm und die Gedächtniskirche. Hupende Autos und klingelnde Straßenbahnen in dem Verkehrsgewühl zaubern die Erinnerung an die Heimat herbei. Berlin! Meine Heimat! Erinnerungen an Erlebnisse der Friedenszeit werden lebendig. Ich bin ganz versunken in diese Bilder der heimatlichen Welt. Front und Krieg sind vergessen.

Da fällt ein heller Lichtschein in den dunklen Raum. Eine Stimme ruft: „Oberleutnant Schrödter zum Adjutanten!“ Noch ganz benommen von der heimatlichen Atmosphäre des Films und etwas unwillig über die Unterbrechung trete ich aus dem Dunkel der Scheune ins Freie. Draußen steht Leutnant Bartenwerffer. Er guckt mich an, geht mit mir einige Schritte weiter und sagt nur ein Wort: „Aus!“ Ich habe sofort begriffen. Kapitulation! Während ich das denke, höre ich ihn neben mir dasselbe Wort aussprechen. Fast mechanisch antworte ich: „Ach du Donnerwetter, so eine Schweinerei!“ Allzu überraschend kommt dieses Ereignis ja nicht, aber nun, da es eingetreten ist, sieht es etwas anders aus. Noch dazu in einem Augenblick, in dem ich in Gedanken in Berlin war. Das war eine kalte Dusche.

Während wir nun langsam zum Bataillon zurückgehen, gibt mir der Adju noch einige Anweisungen zur Durchführung des Kapitulationsverfahrens. Um 14 Uhr sollen die Männer in den Stellungen weiße Tücher auf die Unterstände stecken. Die Russen haben Anweisung, die Stellungen erst morgen zu übernehmen. Alles bleibt in den Stellungen. Sich nach Libau durchschlagen zu wollen sei zwecklos, da alle Wege dorthin von Feldgendarmerie gesperrt sind. Weitere Anweisungen folgen später.

Ich erfahre noch, dass das O.K. Kurland schon seit dem 6.5. Kapitulationsverhandlungen führt.[1] Unsere Kapitulation war notwendig geworden, weil das Reich schon vorher kapituliert hatte[2] und weiterer Widerstand hier oben sinnlos gewesen wäre. Das O.K. hat die Verhandlungen mit den Russen absichtlich in die Länge gezogen, um noch möglichst viele Menschen aus Kurland herauszuschaffen, allein in den zwei Nächten vom 6.–8. Mai sind allein in Libau 80.000 Mann eingeschifft worden und in Richtung Heimat ausgelaufen, und zwar 30.000 Offizieranwärter und 50.000 Verwundete. Daher also die Bombenangriffe auf Libau in den letzten Nächten! Ob die Transporte allerdings alle die Heimat erreichen werden, ist fraglich, denn sie wurden nicht nur während der Verschiffung, sondern auch beim Auslaufen und auf See von sowjetischen Bombern und Seestreitkräften angegriffen.

Ich gehe also in meine Stellungen zurück und gebe meinen Soldaten die Kapitulation bekannt. Sie nehmen die Nachricht mit stoischer Ruhe auf. Sie kam ja nicht gerade überraschend. Ich sage ihnen, dass sie um 14 Uhr weiße Tücher auf die Bunker stecken sollen, dass sie in den Stellungen bleiben sollen und dass jedes Absetzen zwecklos sei. Dann begebe ich mich in meinen Kompaniegefechtsstand, wo ich sämtliche Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Stellungs- und Feuerpläne verbrenne. Nur die Minenpläne müssen laut Befehl an die Russen übergeben werden. Dann gieße ich zu unser aller Bedauern die Kognacflasche, die noch fast voll ist, ins Wasser. Die Männer hätten sie lieber ausgetrunken, aber es ist besser, wenn wir jetzt nüchtern bleiben. Anschließend nehme ich den russischen Trommelrevolver, den ich seit der Kesselschlacht von Uman getragen habe, auseinander und werfe die einzelnen Teile in den Sumpf. Dann packe ich meine restlichen Habseligkeiten zusammen und warte auf die Dinge, die da kommen sollen.

14 Uhr. Jetzt stecken sie vorn die Handtücher raus! Nach einer Viertelstunde schrillt das Telefon: „Herr Oberleutnant, vor der Stellung stehen Russen! Sie winken und kommen ganz langsam und vorsichtig auf unsere Stellungen zu!“ Ich gebe die Meldung sofort ans Bataillon weiter. Laut Vereinbarung sollen sie doch erst morgen kommen. Das ist schon der erste Bruch der Abmachungen durch die Sowjets! und das schon eine Viertelstunde nach Inkrafttreten der Vereinbarungen. Das ist typisch für die Russen.

Drüben bei den Litauern fallen Schüsse. Infanteriefeuer flackert auf. Die Litauer ergeben sich nicht. Sie wissen, was sie erwartet. Die Sowjets beanspruchen sie als Sowjetbürger und behandeln sie, die gegen sie gekämpft haben, als Verräter. Das kann für sie alle den Tod bedeuten.

Wieder rasselt der Feldfernsprecher. Ein Feldwebel ist am Apparat: „Herr Oberleutnant, jetzt sind die Iwans in den Stellungen! Sie sind vor Freude außer Rand und Band. ‚Woina[3] kapuut, Itleer kapuut‘ schreien sie fortwährend und nehmen dabei unseren Männern die Waffen ab. Ein sowjetischer Sergeant benimmt sich etwas rabiat. Ein widerlicher Kerl. Die andern sind friedlich.“ So kam die Meldung in abgerissenen Sätzen durch. Ich gebe sofort alles ans Bataillon weiter. Dort sind jetzt auch schon sowjetische Offiziere eingetroffen, sagt mir Bartenwerffer am Telefon.

Noch einmal rasselt der Apparat: „Sie bauen jetzt das Telefon ab!“ meldet der Zugführer von vorn. Dann ist die Verbindung unterbrochen. Ich nehme nun Verbindung mit dem MG-Stützpunkt auf der Insel auf. Die können ja den ganzen Abschnitt übersehen. Der Stützpunkt meldet, dass sie vorn jetzt alle Waffen und Geräte zusammentragen. Alle sind es übrigens nicht mehr. Der Rabauken-Unteroffizier hat sein MG in den Sumpf geschmissen, bevor die Russen in der Stellung ankamen.

Wie sich bei Gefahr alles um den Führer drängt! Der ganze Kompanietrupp ist um mich herum und hängt an meinem Gesicht. Alles, was ich jetzt tue und sage, ist entscheidend für das innere Gleichgewicht der Männer. Der Waffenunteroffizier ist mit seinem Gehilfen ebenfalls zu mir gekommen. Wenn ich jetzt nervös würde, drehten die Männer vielleicht durch. Aber es besteht keinerlei Anlass zu Aufgeregtheit.

Jetzt meldet der Stützpunkt, dass die Kompanie antritt und aus der Stellung herausgeführt wird. Sie wird zu den russischen Linien gebracht. Jetzt habe ich nur noch meinen Kompanietrupp und den Halbzug auf der Insel. In dieses gefährliche Sumpfgelände wagen sich die Iwans nicht.

Ich rufe das Bataillon an, melde den Abzug der Kompanie und mache den Vorschlag, mit dem Kompanietrupp zum Bataillon zu kommen. Der Adju will nicht recht. Nach einiger Zeit rufe ich noch mal an und mache ihm klar, dass es sinnlos sei, hier noch allein sitzen zu bleiben. Da ist er dann einverstanden. Ich teile nun den Kompanietrupp in Gruppen zu je zwei Mann und lasse sie dann in kurzen Abständen nach hinten losziehen. Zuerst die Funker mit ihrem Gerät, dann die Fernsprecher, dann den Waffenunteroffizier mit Gehilfen, dann die Melder und zum Schluss ich selbst mit meinem Sanitäter.

Unser letzter Gang in Freiheit! Schade um soviel vergebliche Tapferkeit, so viel Heldentum, so viel vergossenes Blut! Das einzige, was bleibt, ist das Bewusstsein, dass die Armee diesen Krieg nicht verloren hat. Verloren hat ihn die unfähige Clique politischer Demagogen um Hitler. Dazu gehören auch einige Nichtskönner und Nazis im Führungsstab der Wehrmacht. Verloren haben in die Politiker.

Die Kurlandarmee hat kapitulieren müssen, weil das Reich kapituliert hatte und weil sie keinen Nachschub mehr bekam. Ihre Widerstandskraft blieb ungebrochen. Die Kurlandarmee blieb unbesiegt bis zur letzten Stunde!

Ende.

 

8.5.45. Der Krieg ist aus und verloren. Das muss man Hitler lassen: was er tut, das tut er gründlich. Er hat auch diesen Krieg gründlich verloren. Wenn er sich wenigstens vorn in den Graben gestellt und bis zur letzten Patrone gekämpft hätte, wie er es von uns immer verlangt hatte, dann wäre es noch ein ehrenvoller Abgang gewesen! Nach einem von ihm selbst erlassenen Gesetz galt Selbstmord als Fahnenflucht. Ausgerechnet der Mann, der immer von der hohen Tugend der Ehre sprach, hat sich den ehrlosesten Abgang vor der Geschichte bereitet. Seine Komplizen folgten ihm auf demselben Weg. Feige und ehrlos haben sie sich aus der Geschichte geschlichen. Der so glanzvoll begonnene Aufstieg des Reiches brach an dem inneren Unwert seiner Führer zusammen.

Die Geschichte ist eine Frau, und ihr Schicksal eine Brunhildentragik. Immer sucht sie ihren Herrn und Meister, ihren Helden. Und wie selten findet sie ihn. Und wenn sie ihn fand, war er ihrer unwürdig, wie Gunther.

Diese elenden Parteibonzen, die dauernd von nationaler Ehre, germanischer Treue und vom Durchhalten bis zum letzten Blutstropfen faselten, desertierten, als sie ihr eigenes Leben für ihr System einsetzen sollten. Man sagt, dass alle Parteiführer und aktiven Nazis einen Tag vor der Kapitulation die Festung Kurland mit amtlichen Fahrscheinen verlassen hatten. Ein Volk, das solche Kreaturen gebiert und unter sich duldet, hat kein besseres Schicksal verdient. Nun muss der kleine Mann aus dem Volk die ganze Last der Kriegsfolgen tragen.

Charakter ist Schicksal.

Soll nun mein Leben mit all den guten Vorsätzen, Plänen und Aufgaben, die ich mir gestellt habe, so unvollendet bleiben? Mein Leben war erst im Rohbau fertig. Zwar hatte ich mit meiner Beförderung zum Studienrat mein ziviles Berufsziel vorerst erreicht. Im Felde war ich Oberleutnant und Kompanie-Chef[4] geworden. Und ich hatte geheiratet. Als ich nun hätte beginnen können, mein Leben auszufüllen, machte mir das Schicksal einen Strich durch die Rechnung. Wohl weiß ich, dass die Ehe kein Garten ist, in dem alles nur immer blüht und gedeiht. Aber ein alleinlebender Mensch ist in gewisser Hinsicht unvollständig. Ich habe eine Frau gefunden, die eigentlich gar nicht mein „Typ“ ist. Ich suchte in meiner Vorstellung immer eine sanfte, anschmiegsame Frau und fand eine sehr selbständige, eigenwillige und kluge Frau. Heute bin ich sehr froh darüber, weil unsere Kinder sie brauchen werden, wenn ich – vielleicht – nicht mehr zurückkehre. Aber über meine Ehepflichten war ich mir klar: Die Aufgabe der Ehegatten ist, sich in gegenseitiger Formung und in gemeinsamem Streben zu einem höheren Sein emporzuarbeiten, zu immer größerer Vollkommenheit zu gelangen und sich gegenseitig in den Himmel zu bringen. Und das Wertvollste ihres Wesens den Kindern weiterzugeben mit der Bitte an den Herrgott, dass die Natur sie gnädig unterstützen möge. In diesem Sinne wollte ich meine Ehe führen.

Und wie wollte ich meinen lieben Eltern noch Dank abstatten für alle Sorge und Mühe, die sie meinetwegen hatten! Zu spät! Ich bin froh, dass ich diese späte Erkenntnis meinen Eltern wenigstens in einem Brief noch mitgeteilt habe. 35 Jahre lang habe ich mehr oder weniger gedankenlos bei meinen Eltern gewohnt. Jetzt, wo ich befürchten muss, sie nie wiederzusehen, fällt mir ein, wie selten und wie wenig ich ihnen meine Liebe und Dankbarkeit gezeigt habe und was ich ihnen noch gutes hätte tun können.

Ich hadere nicht mit meinem Schicksal wegen dieses Wandels in meinem Leben. Vieles im Leben bleibt sowieso beim guten Vorsatz stecken. So würde wohl auch nur ein Bruchteil meiner guten Vorsätze Wirklichkeit werden. Aber der Herrgott möge, wenn ich die Heimat nicht wiedersehe, den guten Willen für die Tat nehmen.



Zweites Buch: Sowjetische Kriegsgefangenschaft

Vorwort

Diese Notizen sind unter schwierigen Bedingungen geschrieben, oft im Zustand der Ermüdung und unter den bedrückenden Umständen der Gefangenschaft. Der Text ist fast durchweg Originalaufzeichnung, oft versteckt vor Durchsuchungen und zuletzt herausgeschmuggelt. Er enthält vielleicht manche Wiederholung und sicher auch Lücken.

Nach meiner Entlassung habe ich die Notizen, die stichwortartig auf kleine Blätter geschrieben waren (Kopien im Internet), auf die vorliegenden Bögen übertragen. Dabei habe ich vieles in dem Telegrammstil der Originalfassung belassen, anderes etwas ausführlicher in Worte gekleidet. Manche Ereignisse habe ich dann noch hinzugefügt, vielleicht aber zeitlich falsch eingeordnet. Zwar habe ich die einzelnen Erlebnisse heute noch in sehr deutlicher Erinnerung, aber die chronologische Reihenfolge stimmt vielleicht nicht immer. Die zeitliche Einordnung ist auch deshalb erschwert, weil ich an manchen Arbeitsplätzen mehrmals zu verschiedenen Zeiten eingesetzt war. Ich weiß z. B. mit Sicherheit, dass ein Ereignis im Sommer oder Winter geschehen ist. Ich erinnere mich auch genau an den Ort und die Stelle, wo es sich zugetragen hat. Ich weiß aber nicht mehr in jedem Fall, ob es 1948 oder 1949 geschehen ist.

Für den Wahrheitsgehalt der Abschnitte „Kameraden erzählen“ kann ich mich nicht unbedingt verbürgen. Bei derartigen Berichten sind Übertreibungen und Wichtigtuerei der Erzähler nicht auszuschließen, obgleich ich persönlich aus eigenem Wissen und Erleben an der Wahrheit dieser Berichte im Prinzip nicht zweifle.

Ich selbst habe mein Urteil über die Russen und ihr Verhalten inzwischen nur in wenigen Punkten korrigieren müssen. Nach mehr als achtjährigem Aufenthalt in der Sowjetunion und viereinhalbjähriger Zusammenarbeit mit Russen verschiedenster Berufe war eine grundsätzliche Änderung meiner Beurteilung nicht erforderlich.

Die geschilderten Vorkommnisse und Erlebnisse sind unumstößliche Tatsache. Sie sind absolut wahr.

In der Heimat hat man sich zuweilen unsere Berichte über die Zustände in der sowjetischen Gefangenschaft geduldig angehört, aber man hat sie nicht geglaubt. Vor allem hier in Westdeutschland. „Ihr wart fünf Jahre in Gefangenschaft,“ hieß es, „ihr seid verbittert, ihr übertreibt.“ Nun, die Westdeutschen haben nie einen Russen gesehen, schon gar nicht als Feind. Deshalb kennen sie ihn nicht. Mir bleibt für diese naiv-ungläubigen Zeitgenossen nur ein Wunsch, um ihnen die Augen zu öffnen: Fünf Jahre sowjetischer Gefangenschaft.

I. Fluchtversuch und Entdeckung

8.5.45 gegen 16 Uhr. Wir hatten um 14 Uhr kapituliert, meine Kompanie war inzwischen von den Iwans aus den Stellungen abgeführt worden, ich hatte meinen Kompanietrupp schubweise zum Bataillon losgeschickt und gehe nun selbst als Letzter auf dem Laufsteg über das sumpfige Gelände. Hinter mir geht mein Sanitäter. Er heißt Schnaak oder Schnack und stammt aus Heide/Holstein. Wir nähern uns dem Bataillon und erkennen achtzig Meter vor uns schon eine unserer Granatwerfer-Stellungen, die bereits auf festem Boden steht. Beim Näherkommen sehen wir, dass unsere Werferleute mit erhobenen Händen dastehen, während einige Iwans sie von oben bis unten durchsuchen. Wir bleiben stehen und betrachten dieses ungewohnte Bild. Da ist mein Entschluss schnell gefasst: Dorthin nicht! Ich wechsele einige Worte mit dem Sani. Er ist einverstanden: Abhauen! Wir springen vom Laufsteg ins Wasser und verschwinden seitwärts im undurchsichtigen Erlendickicht des Sumpfwaldes. Hier werfen wir noch zwei Wolldecken fort, um unser Gepäck zu erleichtern. Glücklicherweise ist der Boden fest und das Wasser nur knietief. Meine hohen Reitstiefel halten das Wasser noch ab. Wir wenden uns etwas nach Norden, weil es der einzige feindfreie Weg ist. Unser Plan ist, zunächst die nahe Küste zu erreichen und dann in Richtung Memel weiterzumarschieren. Dabei hoffe ich vor allem, dass wir an der Küste irgendein Boot erwischen, mit dem wir über die Ostsee nach Schweden entkommen können.[5] Vielleicht nimmt uns auch ein Fischer mit. Als Fahrpreis kann ich u. a. meine Wehrmachtsdienstuhr anbieten, die wegen ihrer unübertroffenen Qualität sehr begehrt sind.

Langsam warten wir durch das Wasser. Gegen Sicht schützt uns das dichte Unterholz. Bald aber lichtet sich das Gestrüpp, und wir stehen vor einer endlos weiten, offenen Fläche. Vor uns dehnen sich tischebene nasse Wiesen, und dahinter liegt breit und flach der große Mekes-See[6]. Er muss sehr seicht sein, denn ich erkenne mit meinem Fernglas in der Mitte des Sees Scharen von Störchen, die im flachen Wasser herumstelzen. Im Westen reicht der See bis an einen Hochwald heran. Dorthin wollen wir, denn dieser Hochwald steht auf den Dünenketten, die sich an der Küste entlangziehen. Die Orientierung fällt mir nicht schwer, denn ich habe die Lage unserer Stellungen zur See im Kopf, und außerdem sind die Landschaftsformen denen der pommerschen Küste sehr ähnlich. Hinter dem Hochwald liegt die offene See.

Um den Wald zu erreichen, müssen wir nun, wohl oder übel, auf die offene Fläche hinaus. Langsam und vorsichtig stelzen wir über den weichen und trügerischen Wiesenboden. Aber er trägt. Wir sind schon weit draußen. Jetzt erkenne ich in der Ferne auf dem gegenüberliegenden Ufer des Sees ein Dorf. Es ist ca. drei Kilometer entfernt, aber wir hören deutlich Gesang über das Wasser herüberschallen. Wir kennen diese Stimmen. Es sind russische. Da bemerken uns auch die Störche. Erst einzeln, dann in Gruppen und schließlich in ganzen Scharen erheben sie sich in die Luft und schweben davon. Das ist gefährlich für uns. Aus dem Verhalten der aufgescheuchten Tiere kann man auf die Anwesenheit von Menschen schließen. Die russischen Naturburschen haben für solche Dinge ein ausgezeichnetes Gespür. Aber es hilft alles nichts, wir müssen über diese Plaine, um in den Wald zu gelangen. Wir sind schon mehr als einen Kilometer gewartet, als uns plötzlich ein kleiner Wasserlauf den Weg versperrt. Aber in der Nähe finden wir – es ist wie ein Wunder – ein Boot. Ich fasse den Bordrand, um in das Boot zu steigen. Da rutsche ich an dem schlüpfrigen Uferrand aus und gleite bis an den Bauch ins Wasser. Die Wiese brach hier mit steiler Kante ins Wasser ab, aber da alles unter Wasser lag, war es nicht zu erkennen. Mit Schnacks Hilfe ziehe ich mich wieder heraus. Nun klettert der Sani ins Boot, das sofort abzusacken beginnt. Der Kahn hat ein großes Leck. Aber wir müssen hinüber. Ich stelle mich vorsichtig an die Uferkante, stoße den Kahn mit einem kräftigen Schwung ab und jumpe gleichzeitig mit einem Hechtsprung in das fortgleitende Boot. Dann paddeln wir wie besessen mit unseren vier Händen, denn das Boot sackt beängstigend schnell unter unserem Gewicht weg. Zum Glück ist der Bach nur fünfzehn Meter breit, und wir erreichen das andere Ufer in demselben Augenblick, in dem das Wasser über den Bordrand in den Kahn rauscht. Patschnass, aber heilfroh setzen wir unsren Weg fort. Das abgesoffene Boot lassen wir liegen. Es sind nur hundert Meter bis zum Waldrand. Das Ufer steigt sanft an. Der Boden ist sandig und trocken. Gleich am Waldrand kriechen wir in ein dichtes Gebüsch und ziehen uns erst einmal die nassen Sachen vom Leib. Es ist Spätnachmittag. Die Maisonne wärmt zwar noch ein wenig, aber zum Trocknen reicht es nicht mehr. Ich kippe das Wasser aus meinen Stiefeln und wringe die nassen Strümpfe aus. Immerhin war es noch ein Glück, dass ich nur bis an die Hüften nass geworden bin. Wir beschließen, hier auszuruhen und die Nacht abzuwarten. Essen wollen wir noch nicht. Ich habe nämlich nur noch eine halbe Brotportion und die kleine Fleischdose meiner eisernen Ration. Schnack hat gar nichts mehr. Wir wollen deshalb versuchen, nachts in einem Dorf etwas zu bekommen. Unsere Lage ist nicht sehr rosig, und ich sage zu Schnack: „Jetzt kann uns nur noch der Herrgott helfen!“ Nach Einbruch der Dunkelheit[7] „schlüpfen“ wir wieder in unsere nassen Strümpfe und Stiefel und verschwinden in der Dunkelheit des Waldes. Wir benutzen die Waldwege, weil man hier leiser gehen kann, als über die knackenden Äste des Waldbodens. Schon bald erreichen wir zwei Häuser im Wald, die wir umgehen. Dann lichtet sich der Wald plötzlich, und wir stehen vor einem großen Dorf, dessen erste Häuserreihe schon dicht am Waldrand beginnt. Noch im Schatten des Waldrandes legen wir uns neben den Weg, um zu beobachten. Eines der Holzhäuser mitten im Dorf steht in Flammen. Im Dorf ist wenig Bewegung, aber an einzelnen Stimmen und typischen Geräuschen erkennen wir, dass das Dorf von Russen besetzt ist. Die Hoffnung, an eines der Häuser heranzuschleichen und von den Bewohnern etwas Essbares zu erhalten, geben wir auf. Bevor uns der Hunger nicht zu solchem Risiko treibt, wollen wir es vermeiden.

Hinter uns hören wir plötzlich Pferdegetrappel. Zwei Reiter kommen den Waldweg entlang aus derselben Richtung, aus der wir gekommen waren. Sie unterhalten sich halblaut, während die Pferde drei Meter neben uns vorbeistampfen.

Wir schleichen nun am Dorfrand entlang, immer im Schutz des dunklen Waldes. Der Feuerschein des brennenden Hauses ist etwas störend, weil er sich auf unseren hellen Gesichtern widerspiegeln könnte. An dem anderen Ende des Dorfes stoßen wir auf einen Waldweg, der hier aus dem Wald in das Dorf hineinführt. Diesen Weg erkenne ich plötzlich wieder, und nun kenne ich auch das Dorf. Es ist Jurmalciems, in dem unser Bataillonsstab gelegen hat, und den ich von meiner Stellung immer auf diesem Weg erreicht habe.[8] Nun bin ich orientiert. Wir benutzen eine Wegabzweigung und erreichen nach kurzer Zeit die Ostseeküste. Wir gehen zum Strand hinunter und marschieren auf dem festen Sand am Wasser entlang nach Süden. In der hellen Mainacht ziehen wir, vom leisen Rauschen der Wellen begleitet, wie zwei Wandervögel dahin. Es könnte eine romantische Idylle sein, wenn es nicht so lebensgefährlich wäre.


  1. gem. Haupt, Kurland S. 121, ab 07.05.
  2. Es ist wohl die Waffenruhe im Südwest-Bereich ab 02.05. 12.00 Uhr (KTB OKW 1944–1945 S. 1470), in Norddeutschland, Holland und Dänemark ab 05.05. 8.00 Uhr gemeint (S. 1474)
  3. Война, Krieg
  4. wird im I. Kapitel des 2. Buches berichtet
  5. Die Hoffnung war nicht ganz unberechtigt, der Erfolg aber blieb ungewiss: Einigen wenigen ist es geglückt, bis Memel und Insterburg zu kommen (Haupt 1979 S. 129), tausende gelangten nach Schweden, das sie allerdings größtenteils wieder zurückschickte („Deutschenauslieferung“, siehe 09.02.1946).
  6. Der Mekes-See (Karte des westlichen Rußlands H 16) wurde mittlerweile trockengelegt.
  7. Sonnenuntergang ca. 21.30 Uhr, Sonnenaufgang ca. 05.30 Uhr
  8. im Januar

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Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember Eine Art Bilanz Gedankensplitter und Betrachtungen Personen Orte Abkürzungen Stichwortverzeichnis Organigramme Literatur Galerie:Fotos,Karten,Dokumente

1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31.

Erfahrungen i.d.Gefangenschaft Bemerkungen z.russ.Mentalität Träume i.d.Gefangenschaft

Personenverzeichnis Namen und Anschriften Personal i.IR 477 40–44 Übersichtskarte (Orte,Wege) Ortsverzeichnis Vormarsch-Weg Militärische Rangordnung 257.Inf.Div. MG-Komp.eines Inf.Batl. Kgf.-Lagerorganisation Kriegstagebücher Allgemeines Zu einzelnen Zeitabschnitten Linkliste Originalmanuskript Briefe von Kompanie-Angehörigen